Kommentar Politikus

Mittwochs grüßt die Sackgasse

Wahlen in Polen, die Leichtathletik-EM oder die vermeintlich letzte Einnahme einer IS-Hochburg – Felix Lobrecht und Tommi Schmitt sprechen jeden Mittwoch im Podcast Gemischtes Hack über diese und weitere „Dinge, die immer sind“. Dabei zeigen sie ein feines Gespür für das Immergleiche, und das seit mehr als acht Jahren und 360 Folgen. Eine lange Zeit, in der sich auch „Podcast-eigene Dinge, die immer sind“ etablieren können. 

Text von Maximilian Schneider; Bild von Marie Schultze 

In der Folge vom 25. August 2026 sprechen Lobrecht und Schmitt über die damals noch bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und die prognostizierte starke AfD. Sie erkennen an, dass die Partei vielen Menschen Angst macht. Sie glauben, dass viele nicht wollen, dass die AfD regiert. Sie beide möchten es selbst nicht. Trotzdem meint Felix Lobrecht: „Aber auch davon wird die Welt nicht untergehen“. Außerdem könne man sich nicht ständig einreden lassen, dass die Welt auf dem Spiel stünde.  

Im Fall von Lobrecht stimmt das sicherlich auch. Er ist nun schon seit mehreren Jahren ein sehr erfolgreicher Comedian und lebt in Berlin. Eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird seinen persönlichen Alltag vermutlich nicht weiter beeinflussen. Jedoch müssen sich viele in Sachsen-Anhalt lebende Minderheiten nun nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse auf weitreichende und einschneidende Veränderungen gefasst machen. Zum Beispiel sollen, laut AfD-Wahlprogramm, Kinder von Geflüchteten für ihre gesamte Schulzeit in Sonderklassen unterrichtet werden. Selbst wenn also die AfD in Sachsen-Anhalt regieren würde und die Welt nach ihrer Legislaturperiode nicht untergegangen wäre, wären schon diese fünf Jahre in Sonderklassen eine prägende Zeit für diese Kinder. Für sie würde eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft so deutlich erschwert.  

Natürlich ist Gemischtes Hack kein Politik-Podcast und nicht jeder Nebensatz trägt das Gewicht einer echten Wahlanalyse. Trotzdem ist diese „Das betrifft mich nicht“-Haltung Teil eines größeren Problems, das sich durch den Podcast zieht. In Gesprächen über Politik wird viel Kritik geäußert, sie bleibt aber folgenlos. Diese Sackgasse ist im Podcast ein „Ding“ geworden, das immer ist. 

„Die [Politiker*innen] müssen sich einfach nur mal, wirklich so blöd wie es klingt, zusammenreißen […]“

Diese Aussage von Lobrecht ist Teil einer Denkfigur, die man als Hörer*in wiedererkennt. Er lädt damit die Verantwortung für gute Politik und zugleich für die steigenden Prozente der AfD auf die Schultern der Politiker*innen. Gleichzeitig spricht er sich und die Hörer*innen bzw. die Bevölkerung frei. Er zeichnet damit, vielleicht auch unbewusst, ein Bild von unerreichbaren und von den Wähler*innen losgelösten Politiker*innen. Wenn diese einfach mal richtig arbeiten würden, dann ginge es allen besser. Dass jedoch wir, die Wähler*innen, ebenjenen Politiker*innen ihr Mandat geben, wird völlig außer Acht gelassen. Dieses Bild von Politiker*innen führt vor allem zu Frust, wie Lobrecht eine Woche zuvor selbst erfährt. Er kritisiert Steffen Krach (SPD-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin) für eine Aussage im Podcast „Jung & Naiv“ mit Tilo Jung. Darauffolgend bezeichnet Lobrecht ihn als weltfremd und wundert sich, wieso die SPD so jemanden als Spitzenkandidaten aufstellt. Außerdem gibt er zu: „Ich reg’ mich jedes Mal über die SPD auf, […] jedes Mal wähle ich sie, […] bei allen möglichen Wahlen“. Und trotzdem stellt er lieber eine Frage nach oben, die ins Nichts führt: „Was schickt die [SPD] uns denn da?“. Eine weitere Sackgasse. 

Sein Co-Host bei Gemischtes Hack Tommi Schmitt zeigt sich meist eher mitfühlend gegenüber Politiker*innen. Nachdem Lobrechts Kollege Verständnis für den Druck, unter dem sie im Wahlkampf stehen, geäußert hat, sagt Lobrecht in einer Folge von Mitte März dazu sogar: „Du musst aufhören, damit Empathie zu haben“. Diese Kombination aus Kritik von Lobrecht und Empathie von Schmitt lässt die Hörer*innen jedoch handlungsunfähig zurück. Wenn immerzu kritisiert und gleichzeitig statt Lösungen nur an Menschlichkeit appelliert wird, entsteht ein Bild von Politiker*innen, die zwar wollen, aber es einfach nicht besser können. Es wirkt, als bräuchte es etwas Übermenschliches, damit die Politiker*innen den Ansprüchen der Wähler*innen gerecht werden könnten. 

Wo beginnt Demokratie? 

Ein Comedy-Podcast hat nicht die Aufgabe, komplexe und tiefgründige Lösungen für politische Themen zu präsentieren, er soll unterhaltsam sein. Vielleicht ist der Fokus darauf auch einer der Gründe, warum Gemischtes Hack auf Platz eins der Spotify-Podcast-Charts in Deutschland steht. Damit die Hörer*innen aber kein Gefühl der Machtlosigkeit aus den Folgen mitnehmen, könnte es sich lohnen, dass die Hosts ihre durchaus wichtigen Gedanken weiterführen. Ja, Politiker*innen sind Menschen und verdienen wahrscheinlich mehr Empathie und Verständnis, als ihnen meist zugestanden wird. Und ja, Politiker*innen sollten ihren Job ernst nehmen und Politik für ihre Wähler*innen machen. Doch ausschließlich tatenlos nach oben zu schauen, reicht nicht. Es braucht Appelle für politisches Engagement und Beteiligung. Aufrufe zur Wahl und vor allem Aufrufe, sich selbst mit Parteien und den Politiker*innen auseinanderzusetzen.  

Demokratie kann nicht ausschließlich der Gang zur Wahlurne sein, nur um sich später über die Politiker*innen zu wundern, die man selbst gewählt hat. Sie beginnt viel früher, zum Beispiel innerparteilich auf Aufstellungsversammlungen, dort, wo entschieden wird, wen die Parteien für den Wahltag ins Rennen schicken. Nebensätze, die Licht auf diese unspektakulären Seiten des demokratischen Prozesses werfen, machen aus Comedy nicht gleich politischen Kommentar. Aber sie könnten mithelfen, dass die Enttäuschung nicht für immer ein „Ding, das immer ist“ bleibt. 

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