Kulturphilter

„Mittwinter“ – vor, während und nach dem Krieg

Pünktlich zum überraschenden zweiten Wintereinbruch, der München am vergangenen Donnerstag ereilte, feierte auch Zinnie Harris’ Stück „Mittwinter“ am Metropoltheater Premiere. Doch in diesem Winter ist kein Platz für schlittenfahrende Kinder am Monopteros: Schließlich ist Krieg – bis dieser auf einmal vorbei ist und die Überlebenden vor ganz neue Aufgaben stellt.

von Johanna Jank; Bilder © Metropoltheater / Joel Heyd

Geschwärzte Holzplanken in einem Kasten aus Stoffbahnen, durch die die Wintersonne zu sehen ist: Das ist die düstere Umgebung, die sich Maude (Genija Rykova) für ihr konstruiertes Familienleben auserkoren hat und in der sich das Geschehen von Mittwinteram Metropoltheater abspielt. 

Es herrscht Krieg. Die Bevölkerung eines nicht näher räumlich und zeitlich bestimmten Landes friert und hungert. Nur Maude hat es geschafft, einen Pferdekadaver zu erbeuten, aus dem sie Stücke herausschneidet, isst und dem Publikum so bereits zu Beginn mit blutverschmiertem Mund entgegentritt. Als sie auf einen Großvater (Thomas Schrimm) mit seinem hungernden Enkelkind (Anna Graenzer) trifft, vereinbaren sie einen schmerzhaften Tausch: Sie möchte den Jungen haben und ihn im Gegenzug ernähren und damit am Leben halten. Sie gibt ihm den Namen ihres eigenen, im Krieg gefallenen Sohnes und baut sich mit den dürftigen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, mit eisernem Willen ein Stück Normalität und Familienleben. Bis der Krieg vorbei ist, ihr Mann zurückkehrt, die Handlung ihren Lauf nimmt und das mühsam aufgebaute Lügenkonstrukt langsam zu bröckeln beginnt. 

v. l. n. r. : Michele Cuciuffo, Genija Rykova.

Das Stück „Mittwinter“ der britischen Dramatikerin Zinnie Harris in einer Übersetzung von Karen Witthuhn bildet den zweiten Teil einer unabhängig voneinander aufführbaren Trilogie, die das Leben vor, während und nach dem Krieg behandelt. Die englische Uraufführung fand im Herbst 2004, von der Royal Shakespeare Company gespielt, statt. 2007 folgte dann die deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Nun feierte das Stück in einer Inszenierung von Jochen Schölch Premiere und scheint angesichts des nicht weiter verortbaren zeitlichen und räumlichen Rahmens aktueller denn je. 

Affektreiches Schauspiel 

Neben der sich kontinuierlich aufbauenden Spannung – was wird Maudes Ehemann Grenville (Michele Cuciuffo) nach seiner Rückkehr erfahren und wie darauf reagieren? – liegt der interessante Faktor vor allem in den Beziehungen der Figuren zueinander und den Abgründen, die sich hier auftun. Das Ensemble spielt intensiv und einander zugewandt – die dargestellten Emotionen changieren beständig und machen die Figuren lebendig; trotz der Gewalt und moralisch fragwürdigen Entscheidungen wachsen einem die Personen ans Herz. Einzig Anna Graenzer als Sirin bleibt hier etwas unnahbar zurück; zwar spricht die Figur nicht und ist angesichts des ihm Widerfahrenen traumatisiert, jedoch langweilen die immer gleichen, leicht überspielten, Gesichtsausdrücke auf Dauer und werden dem Potenzial der Rolle nicht gerecht.  

Trotzdem bleibt die Rolle, auch angesichts der ihr zugeschriebenen Passivität, nicht wirkungslos: Die Machtverhältnisse, die sich zwischen den erwachsenen Figuren entwickeln, vor allem zwischen Maude und Grenville, werden konsequent auf dem Rücken dieses nicht sprechenden (oder nicht sprechen wollenden?) Jungen ausgetragen, der sich dabei nie wehrt und zum Spielball der eigentlich handlungsunfähigen Adoptiveltern wird. Die Bandbreite der hier verhandelten Emotionen wird voll ausgekostet, changierend zwischen gegenseitiger Zuneigung und Fürsorge und immer expliziter werdender Gewalt und Wut, die aus der Decke der erzwungenen Normalität wiederholt hervorbricht. 

Aufgeladene Metaphorik

Eine weitere Stärke des Stücks liegt in der klugen Metaphorik, die die Inszenierung gekonnt aufgreift. So verdeutlicht bereits das Blut zu Beginn die Schuld, mit der sich die Figuren aufladen. Zwar lässt sich das Pferdeblut abwischen, als eindrucksvolles Bild bleibt es aber über das Stück hinweg im Gedächtnis. Auch die parasitäre Augenerkrankung Grenvilles, die alle Soldaten aus dem Krieg mitgebracht haben, lässt sich gut deuten: So steht sie sinnbildlich für das Augenverschließen und die Leugnung angesichts der auf der Hand liegenden Wahrheit.

Doch eben diese kommt nach und nach ans Licht. Das hölzerne Bühnenbild, das zuerst mühsam aufgebaut wird, nur um anschließend in sich zusammenzufallen, legt im Stückverlauf die Wintersonne frei und die Figuren müssen analog dazu sich selbst und der Wahrheit ins Auge sehen. Auch die Kostüme werden mit der Zeit weicher und lockerer, die Strenge und das Militante lösen sich auf, die Abgründe bleiben aber die gleichen. 

v. l. n. r. : Anna Graenzer, Genija Rykova, Thomas Schrimm.

Fortwährend stellen sich die Fragen, die sich bei dieser Thematik zwangsläufig aufdrängen. Was macht der Krieg mit den Menschen, mit Soldaten wie Daheimgebliebenen? Wie viel Verlust können wir verkraften? Und zu was sind Menschen in Extremsituationen fähig, wie viel kostet die Normalität? 

Trotz dieses schweren Stoffs nimmt das Stammpublikum die ausverkaufte Premiere wohlwollend und begeistert klatschend auf. Zugegeben: Die Szenenwechsel sind an manchen Stellen etwas unelegant geraten und manche Bilder und Handlungsstränge bleiben unklar. So zum Beispiel die Funktion des fahrenden Händlers, sowie die in dem sonst abstrakt gehaltenen Setting etwas deplatzierten Plastikkräuter. Nichtsdestotrotz hält das Stück gelungen in Atem und regt zum Nachdenken an. Auch ist die Stimmung im Metropoltheater gewohnt herzlich. Das Theater lädt zum Verweilen und Nachratschen ein, weshalb sich der Weg nach Freimann allemal lohnt. 

Weitere Vorstellungen finden den ganzen März hindurch statt; Tickets kosten je nach Kategorie 25€ oder 20€, ermäßigt 20€ bzw. 15€.  Link zum Stück: https://www.metropoltheater.com/spielplan/stueck-details/mittwinter-831/.

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