Teils Biopic, teils spannungs- und actiongeladenes Sport-Drama. Ein Film über einen Mann, dessen Ego so groß ist, dass es alle und alles um sich herum verschlingt und beeinflusst. Gezeigt wird nicht nur ein Spiel mit kleinen weißen Bällen, sondern auch großen Emotionen. Der neue Film von Regisseur Josh Safdie – Marty Supreme.
von Miramé Kühlwein; Bilder © Tobis Film GmbH & Co. KG
Er ist „Hitlers schlimmster Alptraum“. Marty Mauser (Timothée Chalamet), jüdischer Tischtennisspieler an der Weltspitze. Zu Beginn des Films ist er lediglich einfacher Schuhverkäufer im Laden seines Onkels. Dort besucht ihn in der ersten Szene seine Kindheitsfreundin Rachel Mizler (Odessa A‘zion) und schon fallen die beiden im Lagerraum übereinander her – und das, obwohl Rachel mit einem anderen Mann liiert ist. Das Geschehen verwandelt sich in eine detaillierte Befruchtungsszene, die die Spermien durch den weiblichen Körper schwimmend zeigt. Ausgefallen und etwas fragwürdig beschreibt diesen Einstieg ziemlich gut.

Der Schuhladen ist für Marty nur eine Hürde auf dem Weg zum Ziel, ein Mittel zum Zweck. Er muss Geld verdienen, um von seiner Heimat, den USA, zur Tischtennis-WM nach London fliegen zu können. Und das zu einer Zeit, den 1950ern, in der er in den USA noch gefragt wird, ob Tischtennis denn überhaupt ein richtiger Sport sei.
Marty Mauser, der von sich selbst extrem überzeugt ist, geht fest davon aus, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Doch der Japaner Koto Endo (Koto Kawaguchi) schlägt ihn im finalen Match. Nicht willens, die Niederlage zu akzeptieren, liefert Timothée Chalamet an dieser Stelle einen Wutausbruch mit tobendem Unverständnis.
Der weitere Verlauf der Handlung wird von Martys Geldnöten geprägt. Da ihm das Preisgeld entgangen ist, muss er andere Wege finden, sich zu finanzieren. Zeitgleich flieht er vor der Polizei und seinem Onkel, mit dem es zum Konflikt kommt, da dieser Marty vom Tischtennisspielen abbringen will und behauptet er hätte ihm Geld gestohlen. Getrieben von seinem Ehrgeiz zählt für den Protagonisten nichts mehr, als bei der nächsten WM eine Revanche mit seinem japanischen Gegner zu bekommen und den Sieg zu erringen.
Ein spannungsgeladenes Ereignis reiht sich ans andere – als Zuschauer kommt man kaum zur Ruhe. Der Film hält das Publikum auf Trab und zieht es in den Bann.
Der Weg von Marty führt ihn zur Bekanntschaft mit dem Stifte-Hersteller Milton Rockwell (Kevin O‘Leary), den er dringend als Unterstützer gewinnen muss, um zur nächsten WM nach Japan zu kommen. Furchtlos und egozentrisch wie Marty sich zeigt, hat er parallel eine Affäre mit Rockwell‘s Frau, der Schauspielerin Kay Stone (Gwyneth Paltrow). Als er in einer maroden Übernachtungsmöglichkeit in einen Unfall mit dem älteren, reichen Mann Ezra Mishkin (Abel Ferrera) und dessen Hund Moses verwickelt wird, hat er den besagten Hund anschließend zeitweise am Hals, was die Handlung immer wieder auf verschiedene Weise beeinflusst.
Süß und bitter
Regisseur und Autor Josh Safdie hat sich gemeinsam mit seinem Co-Autor Ronald Bronstein nicht alles einfach nur ausgedacht. Auch wenn große Teile der Handlung der Fantasie entspringen, ist die Figur des Marty Mauser, welche auf dem realen Tischtennis-Star Marty Reisman basiert, nicht die einzige Verbindung zur Realität. Martys um einige Jahre älterer Freund Béla Kletzki (Géza Röhrig) basiert ebenfalls auf einem echten Tischtennisprofi. Alojzy Ehrlich war sein wirklicher Name. Der Spieler polnischer Abstammung verbrachte zur Zeit des Zweiten Weltkrieges einige Jahre im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Eine reale Begebenheit, die es ebenfalls in den Film geschafft hat.
Als Marty im Film versucht, mit Milton Rockwell Kontakt zu knüpfen, lässt er seinen Freund Béla eine Geschichte aus Auschwitz erzählen. In diesem Moment scheint Marty die Geschichte als amüsante, verrückte Anekdote zu sehen. Wahrscheinlich weil er sich selbst nicht vorstellen kann, so selbstlos zu handeln, wie es in der Geschichte getan wird. Béla Kletzki erzählt, wie er in Auschwitz, so wie sein reales Vorbild Alojzy Ehrlich wohl auch, regelmäßig in den Wald geschickt wurde, um Bomben zu entschärfen. Unter den Nationalsozialistischen Offizieren gab es Fans des Tischtennisspielers, der bereits Weltmeister geworden war, sodass jene ihm genau deshalb diese vergleichsweise angenehme Aufgabe des Bombenentschärfens übertrugen.
Während er mit einer Bombe im Wald sitzt, schwirrt eine Biene heran. Wo eine Biene ist, ist auch Honig nicht weit. Er folgt also der Biene und räuchert den Schwarm aus. Die klebrige Honigwabe wird entzwei gebrochen. Als Nächstes schmiert Béla seinen gesamten Oberkörper mit Honig ein, um so seinen Mitgefangenen Nahrung zu bringen. Zurück im Lager entblößt er seinen Körper. Im Bild als Nahaufnahme der mit Honig beschmierte Torso. Von unten nach oben wandern Zungen über ihn. Münder, die sich am süßen, goldenen Honig nähren. Sie lecken den behaarten Oberkörper immer wieder ab. Eine Szene, die im Publikum verstörte Blicke hervorruft, irgendwie ekelerregend und absurd wirkt. Sie bleibt auch nach dem Film noch lange im Gedächtnis und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Es ist eine bewegende Sequenz, die noch stärker wirkt, wenn man weiß, sie geschah so oder zumindest so ähnlich in echt.
Auch wenn der Film kein reines Biopic ist, sondern an Marty Reismans Leben nur angelehnt, haben er und seine Leinwand-Version einige Gemeinsamkeiten. Marty Reisman, der 2012 verstarb, war zu Lebzeiten spielsüchtig und wettete für sein Leben gern, am liebsten auf sich selbst. Beim Tischtennis spielte er oft um Geld und Showmatches gehörten bei ihm dazu.
Wie im Film reiste er mit dem Basketball-Showteam den Harlem Globetrotters um die Welt und fungierte als Einheizer. Aus einer armen, jüdischen Familie stammend, arbeitete er zeitweise in einem Schuhgeschäft, verfolgte seinen Traum und nahm insgesamt an sieben Weltmeisterschaften teil. Nach seiner Niederlage gegen den japanischen Spieler Hiroji Satō kam es zu einer Revanche, aus der er als Sieger hervorging.

Preisverdächtiges Schauspiel
Marty Supreme ist für neun Oscars nominiert. Unter anderem in den Kategorien bester Film, bester Hauptdarsteller und bestes Szenenbild. Timothée Chalamet sagte selbst in einem Interview, Marty Supreme ist seine bisher wahrscheinlich beste schauspielerische Performance. Ein Auftritt, der Körpereinsatz verlangt – jahrelanges Tischtennis-üben. Die Stelle im Film, an der Marty seinen Allerwertesten präsentiert, um sich von Milton Rockwell erniedrigen und mit einem Tischtennisschläger schlagen zu lassen, zeigt tatsächlich die nackte Rückseite von Timothée Chalamet. Obwohl es dafür ein Stunt-Double gab, übernimmt der Schauspieler diese Stelle selbst, denn er will nicht, dass „ein anderer Arsch verewigt“ wird. Wenn er eine Rolle spielt, dann wohl am liebsten ganz.
Obwohl er grundsätzlich der „Held“ der Geschichte ist, wirkt Marty doch oft sehr unsympathisch und als Zuschauer zweifelt man seine Lebensentscheidungen nicht selten an. Gerade dieses unsympathische, narzisstische Auftreten des Charakters porträtiert der Schauspieler so gut, dass es echt wirkt, authentisch. Marty ist nicht der klassische Publikumsliebling und doch fiebert man mit ihm mit und will sehen, wie er seine Ziele erreicht. Gleichzeitig gibt es brenzlige Situationen, wie eine Schießerei, in denen man als Zuschauer dann doch weniger Angst um den Protagonisten hat, als um Hund Moses. Auch die anderen Darsteller stehen mit ihren herausragenden Darbietungen für sich selbst und komplementieren zeitgleich den Auftritt des Hauptcharakters. Insbesondere Odessa A‘zion glänzt in ihrer Rolle als Rachel Mizler und behauptet sich standhaft neben und mit Timothée Chalamet.
Marty Supreme ist ein Leinwand-Spektakel, das einen Kinobesuch definitiv wert ist. Die Zuschauer erwartet eine interessante, spannungsreiche Story mit biografischen Anteilen, über die es sich ebenfalls lohnt, mehr in Erfahrung zu bringen. Auch Nicht-Tischtennis-Fans können sich auf jeden Fall an diesem Film erfreuen, ob nun auf der ganz großen Leinwand oder in einiger Zeit im Heimkino.
Marty Supreme, ein Film der Tobis Film GmbH, ist seit Februar 2026 in deutschen Kinos zu sehen. Der Film hat eine Spieldauer von 150 Minuten.

