Mascha Schilinskis zweiter Spielfilm zeichnet ein kaleidoskopisches Bild durch die Jahrhunderte hinweg – eine filmisch ambitionierte Zeitreise, deren Erzählebenen sich auf wundersame Weise durchdringen
Von Johannes F. Schiller, Bild © Neue Visionen Filmverleih
Mascha Schilinski spürt dem weiten Kosmos der Kindheit in ihrem Film „In die Sonne schauen“ nach, einer komplex verschachtelten Collage der Erinnerungsspuren. Mit diesem Beitrag hatte die deutsche Regisseurin gute Chancen um den Hauptpreis in Cannes. Sprunghaft-assoziativ, poetisch, obskur und anspruchsvoll. Für Furore sorgte er und das noch immer. Zusammen mit Óliver Laxes Raver-Thriller „Sirât“ wurde „Sound of Falling“, so sein internationaler Titel, dann mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.
Schilinski war inspiriert von dem unsichtbaren mentalen Band, das sich über mehrere Jahrzehnte hinweg zwischen Menschen entfaltet, die sich gar nicht kennen. Und welche Geschichten sich in den Raum einschreiben, die diese Leute zu verschiedenen Zeiten bewohnten, in diesem Fall ein ostdeutsches Gehöft. „In die Sonne schauen“ springt zwischen den Zeiten: von der Jahrhundertwende in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, von den 80er Jahren ins Gegenwarts-Deutschland. Die einzige Konstante bleibt derselbe abgelegene Vierseitenhof in der Altmark als Schauplatz. Alma, Erika, Angelika und Nelly (u. a. Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler) sind die vier Generationen von jungen Frauen, die ihre Kindheit und Jugend darin verleben.
Alles fließt, Zeit als Fläche
In Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ kommt es zu dem entscheidenden Moment, in dem der Erzähler durch den Geschmack eines in Tee getauchten Madeleine-Gebäcks eine verschüttete Kindheitserinnerung wachruft. Auf ähnliche Weise vergegenwärtigt Schilinskis Film die Zeitlinien und entdeckt Erstaunliches. Was verbindet mich mit denen, die vor mir gelebt haben? Inwieweit spiegelt sich mein Erleben der Welt im Leben anderer, vielleicht sogar der Toten? Und welche Erfahrungen, vielleicht sogar Erinnerungen, teile ich mit ihnen? Arno Schmidt beschrieb die Zeit einmal als Fläche. Darauf fließen wahlweise Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges ineinander und oszillieren auf einer Ebene des Erzählten, simultan.
Die Geister der Vergangenheit
Diese abstrakten Ideen übersetzt Schilinski in eindringliche, zutiefst sinnliche Bilder und Töne. Selten entbehren sie an Grausamkeiten: Die gemeinsamen Badeausflüge mit der Familie im brackigen Wasser des Sees, die saisonalen Arbeiten auf dem Gutshof, die unheimliche Scheune, die aufkeimende Sexualität Angelikas. Immer gefiltert durch die Augen der Kinder und jungen Erwachsenen. Aber auch: die Übergriffigkeiten und die großen Geheimnisse, über die man Schweigen legt; Orte, an denen der Tod ins Leben Einzug hält und hinter allen Ecken bedrohlich lauert – verborgen hinter Türrahmen und Schlüssellöchern, durch die heimlich gespäht wird. Frauen tauchen mutwillig ab ins Wasser und kommen nicht mehr nach oben, Rituale werden begangen und Totenwache gehalten.
Das alltägliche, beinahe banale Miteinander von Leben und Tod nimmt dieser Film sehr ernst; deswegen wiegt auch die Vergangenheit so schwer. Die Bestimmung des Lebens scheint in einer melancholischen Todessehnsucht besiegelt, die alle Generationen von Frauen schicksalshaft begleitet. Erst der Schluss löst sich von der nihilistischen Stimmung und wartet mit Bildern auf, die die realistische Handlung endgültig sprengen. Nach den zahlreichen Unfällen sehen wir Menschen sich vom Boden erheben und schweben …
Eine neue Filmsprache
Zentral ist Schilinskis Bildsprache. Die subjektive Kamera kommt häufig zum Einsatz, wird zum eigenständigen Motor der Erzählung, ebenso wie die vielstimmigen Voice-overs. Die Kamera heftet sich an die Figuren, um sich dann vom Geschehen zu lösen und geisterhaft über ihm zu schweben. Unschärfe, Lichtreflexe und die schimmernde Patina eröffnen eine neue Wahrnehmung der Dinge. Wenn wir nicht gerade ins Licht schauen, ist der Film in Finsternis getränkt und eingetrübt.
Thematisch mag „In die Sonne schauen“ an die protestantisch-repressive Dorfgemeinschaft in Michael Hanekes „Das weiße Band“ (2009) erinnern, während seine Erzählweise an den kosmischen Realismus von Terrence Malicks „The Tree of Life“ (2011) anschließt. Schilinski dekonstruiert gewohnte Sehweisen, sie zerlegt den klassischen Bildungsroman in seine Einzelteile, formt unerwartete Analogien und verwebt die Zeitebenen zu einem stilistisch eigensinnigen Konstrukt. Die Erzählpfade richten sich beständig neu aus, verzweigen sich und führen wieder zusammen. Ein an Bildern reiches Kunstwerk, das sich weigert, zu Ende zu sein.
„In die Sonne schauen” läuft seit dem 28. August 2025 in den deutschen Kinos, 149 Minuten, im Verleih von Neue Visionen.

