Die Regisseurin Chloé Zhao lädt ein ins Innenleben der Familie Shakespeare. Der Film überzeugt durch eine unglaubliche Lebendigkeit. Hamnet ist wunderschön herzzerreißend und viel mehr als nur die Summe seiner Teile.
von Nick Hermes; Bild © Universal Pictures
Hamnet basiert auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell, und ist keine Adaption oder Neufassung des Stückes, sondern erzählt eine fiktive Entstehungsgeschichte für Shakespeares berühmtes Meisterwerk The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark. Noch bevor es richtig losgeht, wird darauf hingewiesen, dass „Hamnet“ und „Hamlet“ zwei Entsprechungen desselben Namens sind, und historisch als austauschbar galten. Hamnet ist der Name von Shakespeares 1596 im Alter von 11 Jahren verstorbenem, einzigem Sohn. Roman und Film stellen hier eine Verbindung zum um 1600 uraufgeführten Stück Hamlet her.
Trotz diesem starken historischen Bezug schafft es der Film, sich vom Mythos Shakespeare zu lösen, um ihn am Ende neu zu befeuern. Man vergisst schnell, dass man Shakespeare verfolgt. Wir begegnen nicht den legendären Barden Englands, sondern dem Lateintutor Will aus Warwickshire. Was hier erzählt wird, ist eine durch und durch menschliche Geschichte. Es geht nicht um den Aufstieg Shakespeares in London, der nur am Rande stattfindet. Es geht um Familie, um Liebe, um Schmerz. Teilweise ist der Film gefährlich nah am Kitsch dran. Für manche mag diese Grenze auch überschritten sein, denn in der Tat ist der Film voller Gefühl, und macht daraus keinen Hehl. Es wird bewusst auf die Tränendrüse gedrückt. Der Film sucht und findet Antwortmöglichkeiten auf die wohl wichtigste, existenzielle Frage der Theatergeschichte: Sein oder Nichtsein?
Der Rest ist Familie
Der Lateintutor Will verliebt sich in die geheimnisvolle Heilerin Agnes, die es mit ihrem Falken immerzu in den Wald zieht. Es heißt, sie sei eine Hexe. Die beiden verbindet vom ersten Moment an eine besondere Anziehung, und sie verloben sich schnell. Ihre Familien sind zunächst gegen die nicht standesgemäße Verbindung zwischen den Zweien, lassen sich aber auch wegen Agnes‘ Schwangerschaft schließlich überzeugen. Bald kommt bei einer mitreißend inszenierten Geburt im Wald die Tochter Susanna zur Welt. Die Familie genießt ihr junges Glück, doch Wills dichterische Ambitionen ziehen ihn nach London, wohin ihm Agnes nicht folgen kann. Dennoch ermutigt sie ihn zu diesem Schritt.
So liebevoll und zärtlich Will als Vater und Ehemann auch ist, für eine lange Zeit des Films fällt er vor allem durch seine Abwesenheit auf. Es ist auch die Geschichte eines Vaters, der sich dadurch auszeichnet, dass er gerade nicht da ist. Er fehlt bei der dramatischen Geburt der Zwillinge Hamnet und Judith und kommt auch zu spät, um Hamnets dramatischem Todeskampf beizuwohnen. Ein Umstand, der Wills Beziehung zu Agnes schwer belastet.
Der Rest ist Theater
Seinen Höhepunkt findet der Film im Globe Theater in London. Zu dem Zeitpunkt hat man mittlerweile fast vergessen, dass es hier um den Shakespeare geht. Als Zuschauende ist man genauso überrascht, beeindruckt und bewegt wie Agnes, wenn man endlich in den heute so legendären, kreisrunden Saal tritt. Was folgt, ist eine mitreißende und bewegende Darstellung einer der Schlüsselszenen aus Hamlet, in der auch die Geschichte Hamnets abgerundet wird.
Im Leben begegnen wir Hamnet als immerzu aufgeweckten und verspielten Jungen, der mit seinen Geschwistern und seinem Vater Theater spielt. Sein großer Traum ist es, auf der Bühne einen Schwertkampf auszufechten und zu gewinnen. Als seine Zwillingsschwester mit dem Tode ringt, gelingt ihm eine beachtliche schauspielerische Leistung: er täuscht den Tod vor und nimmt die Rolle seiner Schwester ein, tauscht sein Leben für ihres, und tritt über in einen schwarz verschleierten Raum. Hamnet lebt, stirbt und wird auf der großen Bühne wiedergeboren – als Schauspieler.
Der Rest ist Kino
Der Film lässt sich Zeit, seine Figuren zu entwickeln. Er lässt eine*n mitfühlen und verstehen. Glaubhaft werden die Figuren vor allem auch durch herausragende schauspielerische Leistungen. Insbesondere Jessie Buckley erweckt die Figur der Agnes zu solch einem Leben, dass der Charakter einem wirklich in Erinnerung bleibt. Auch Paul Mescal schafft es, überzeugend William Shakespeare zu verkörpern, was viele ihm nicht zugetraut haben. Jacobi Jupe spielt in so rührender Weise den jungen Hamnet, dass es einem wirklich das Herz zerreißt.
Hamnet sieht gut aus auf der großen Leinwand. Gekonnt werden hier insbesondere die Natur und das frühneuzeitliche England in Szene gesetzt. Der Film nimmt sich ernst als Historiendrama. Es werden keine Mühen in Garderobe, Ausstattung, und Szenenbild gescheut, um das Publikum ins England des späten 16. Jahrhunderts zu entführen. Das Resultat ist ein stimmiger Gesamt-Look des Films, der weder zu herausgeputzt noch zu „gritty“ daherkommt.
Chloé Zhao hat mit Hamnet einen Film geschaffen, der für seine gefühlvolle Erzählweise, starke Bilder und großartige schauspielerische Leistungen in Erinnerung bleibt. Mit Hamnet könnte Zhao nach Nomadland ihren bereits zweiten Oscar für die beste Regie gewinnen. Damit wäre sie die erste Frau, der das gelingt.
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Hamnet ist in acht verschiedenen Kategorien für den Oscar nominiert, inklusive Bester Film, Beste Regie, sowie Beste Hauptdarstellerin. Der Film wurde am 29.08.2025 auf dem Telluride Film Festival uraufgeführt und läuft seit dem 15.01.2026 in den deutschen Kinos. 129 Minuten, vertrieben von Universal Pictures Germany

