Filmreihe

Existenzialismus in Schwarz-Weiß: François Ozons „L’Étranger“

Die Neuverfilmung von Albert Camus’ Klassiker „L’Étranger“ (Der Fremde) wartet nicht nur mit einem tollen Cast und schönen Bildern auf, er kommentiert auch subtil die politischen Hintergründe des Romans. Eine gute Gelegenheit für eine erneute Lektüre und einen Besuch in eurem Lieblingskino! 

von Johanna Jank; Bild © Gaumont

Albert Camus’ Roman L’Étranger (Der Fremde) wurde bereits 1967 von Luchino Visconti verfilmt. Nun startet nach einem begeistert aufgenommenen Start bei den Filmfestspielen in Venedig nun auch François Ozons gleichnamige Adaption in den deutschen Kinos. 

Der Film bleibt nah an der Textvorlage und kreist dabei hauptsächlich um Meursault (Benjamin Voisin), der im Film vor allem raucht, schläft, Rotwein trinkt und ähnlich wie seine literarische Vorlage durchwegs unergründlich emotionslos und apathisch wirkt. Dieser tötet im Verlauf des Films ohne erkennbaren Grund einen Araber, wird daraufhin vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Um ihn herum werden der Alltag in Algier und die dazugehörigen Figuren inszeniert: seine Freundin Marie (Rebecca Marder), die Nachbarn im Haus, allen voran der Zuhälter Raymond (Pierre Lottin), und immer wieder, beinahe selbst wie Hauptfiguren wirkend, die Stadt und das Meer. 

Zwischen Treue zum Original und postkolonialem Kommentar

Anders als der Roman beginnt diese Adaption nicht mit dem bekannten ersten Satz Aujourd’hui, maman est morte“ (Heute ist Mama gestorben); stattdessen hinterfragt und kontextualisiert sie von Beginn an immer wieder subtil die politischen Hintergründe der Handlung und des Settings. So beginnt der Film mit Aufnahmen des historischen Algiers, die ein multikulturelles Reiseziel beschreiben, allerdings durchbrochen durch Protest- und Graffitiaufnahmen, die den darunter schwelenden Konflikt visualisieren. Die Atmosphäre dieser Einleitung, durch die Filmaufnahmen und Musik an alte Hollywoodfilme erinnernd, greift der Film allerdings nicht wieder auf – nur die Schwarz-Weiß-Ästhetik bleibt die ganze Dauer über erhalten. 

Im Fokus steht die oft vergessene politische Dimension des Geschehens. Die ersten Worte, die Meursault hier spricht, finden im Gefängnis statt: J’ai tué un arabe“– Ich habe einen Araber getötet“. Dies wird immer wieder aufgegriffen, entweder scheinbar zufällig, wie durch ein Schild neben der Kinokasse, welches Einheimische darauf hinweist, dass ihnen der Kinobesuch verboten ist, aber auch programmatisch. Schließlich erhalten Meursaults Opfer sowie dessen Schwester Djemila, der auch eine Sprechrolle zukommt, hier einen Namen, den Camus ihnen nicht gegeben hat.

Der philosophische Unterton bleibt sichtbar

Gleichzeitig aber verschwindet vor diesem politisch-historisierenden Kommentar nicht der existenzialistische Charakter des Romans, der Leser*innen bis heute fasziniert und der hier gekonnt in das Medium Film übersetzt wurde. Nicht nur spielt Voisin Meursaults undurchlässigen Charakter hervorragend, auch die Nähe zum Text unterstreicht Camus’ philosophisches Programm – untermalt von der Schwarz-Weiß Ästhetik, der atmosphärischen, orchestralen Musik und den Alltagsgeräuschen, die den Ton dominieren. 

Angesichts der Nähe zur Vorlage, aber auch der gezielten Modifikationen, empfiehlt es sich, den Roman vor dem Kinobesuch zu lesen (praktischerweise passt die französische Ausgabe, wie ein Kritiker des Filmmagazins Deadline schreibt, in jede studentische Manteltasche). All denjenigen, die sich einer Einführung in den Existentialismus Camus’ verwehren, sei stattdessen der Song Killing an Arab der Band The Cure empfohlen, der im Abspann des Films läuft und alles Wichtige in 2:22 min zusammenfasst: 

I can turn and walk away, or I can fire the gun
Staring at the sky, staring at the sun
Whichever I choose, it amounts to the same
Absolutely nothing
I’m alive
I’m dead
I’m the stranger
Killing an Arab 

L’Étranger wird vom Weltkino Filmverleih vertrieben und startete am 01. Januar 2026 in den deutschen Kinos.

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