Der französische Romancier Pierre Drieu la Rochelle ist ein Geheimtipp für Spezialisten und Ästheten. Die vorliegende Doktorarbeit von Andreas Geisler will die ordentliche Neuverortung des Erzählwerks. Legt er jetzt mit L´écrivain a cheval den Weg für die Drieu la Rochelle Renaissance in Deutschland frei?
Bild und Text von Valentin Alexander Pfeifert
Pierre Drieu la Rochelle ist eine der schillerndsten Gestalten der französischen Literatur. Eine ordentliche Rezeption seiner Bücher ist durch die politische Parteinahme des Autors verzerrt. Die faschistische Gesinnung des ehemaligen Surrealisten, Dandys und Kultschriftstellers bietet bis heute Freund wie Feind Anlass, das Werk zu missbrauchen oder zu verunglimpfen. Dass die außerordentliche literarische Qualität seines Werkes ohne Vorbehalte anerkannt wird, ist ein kleiner Trost. Andreas Geisler wagt eine Neuverortung des gesamten Erzählwerks. Er verspricht uns Erkenntnisgewinn für die Gegenwart.
Neue Rezeptionswege
Die bis dato stattgefundene Rezeption von Drieu la Rochelle muss für Geislers Vorhaben beiseite geschoben werden. Geisler möchte ausbalancieren und so Ordnung bringen. Balance zwischen einseitiger Vereinnahmung und vorschneller Ablehnung. Ordnung in die Lektüre eines Autors, der oft mit aufgesetzter Brille gelesen worden ist. Ob´s nun Surrealismus, Faschismus oder Dekadenzdichtung ist, ihn in eng gefasste Traditionslinien zu stecken, tut nicht recht.
Eins ist klar, Widerspruch durchzieht diesen Schriftsteller. Er war Antisemit und mit einer jüdischen Frau verheiratet. Er war Faschist und hat die Sympathie für die Kommunisten nie verloren. Auch die politische Rezeption verzerrt bei so einem Autor vieles nur. Ein biographischer Zugriff tut es auch nicht so richtig, weil sich die Kompositionselemente postmoderner Literatur nicht aus oberflächlichen biographischen Prägungen verstehen oder ableiten lassen. Und das auch noch bei dem hochkomplexen Menschen Pierre Drieu la Rochelle, der er ja war. Ja, die Protagonisten sind in Drieu la Rochelles Romanen meistens seine Alter Egos. Und ja, die Romane haben fast immer politische Plots. Das gesamte Werk durch eine biographisch/politische Brille zu lesen, wie in der Rezeption so oft, wird dem Autor aber nicht gerecht.
Indifferenz
Geisler geht mit gutem Beispiel voran, er stellt konkret nicht ein einzelnes Werk in den Vordergrund, das auf ideologische Versatzstücke untersucht wird. Er geht intertextuell vor und betrachtet das Gesamtwerk. Drieu la Rochelles Werk ist für ihn eine Entwicklung. Ihr Ende ist die Indifferenz. Indifferenz wörtlich nehmend! Sie ist die Konsequenz einer existenziellen Überforderung der Protagonisten. Dass es in fast allen Romanen von Drieu la Rochelle in Nihilismus mündet, ist klar. Geislers Doktorarbeit arbeitet grob mit drei ausgesuchten Erzählwerken. Die lassen sich als Proto-Früh, Mittel- und Spätwerk lesen. Die bisher nicht auf deutsch vorliegende Erzählung La Valise Vide macht den Auftakt für die 23 Seiten lange Analyse. Auf 33 Seiten wird im Anschluss L’Homme á cheval unter der Bezeichnung Antithesenroman seziert. Dieser auf deutsch unter dem Titel Der bolivianische Traum erschienene Roman probiert sich, so die These, daran aus, die Gegensätze der Vita Activa und Vita Contemplativa zu versöhnen. Das Scheitern bringt die lauernde Indifferenz des Protagonisten zum Vorschein.
In der 45-seitigen Analyse des Romans Les Chien de paille kommt es nun zur Steigerung. Der erwähnte Roman, den der Verfasser dieser Zeilen in der Literatursektion des hiesigen Weblogs unter dem Titel Die Strohhunde jüngst schon besprach, ist die totale Steigerung der ästhetischen Indifferenz. Die Synthese der Vita Activa und Vita Contemplative wird darin nicht mehr versucht, ja es wird nicht einmal daran gedacht. Außerdem sind alle politischen Ideologien austauschbar. Ohne zu spoilern: Durch die Neulektüre Geislers wird dem oder der Lesenden nochmal klar, wie krass die Indifferenz in diesem Roman ist. Welch Bankrotterklärung angesichts des Schicksals dort stattfindet! Gelesen muss man die anderen Texte Drieu la Rochelles dafür nicht.
Aktualitätsbezug?
Schlusslicht bildet der Aktualitätsbezug Drieu la Rochelles. Daran fehlt es bei Drieu la Rochelle nicht. Die Protagonisten sind gequält von einer seelisch/geistigen Orientierungslosigkeit, sie kämpfen mit unlösbaren Identitätsproblemen. Seine Protagonisten erliegen der Komplexität der modernen Welt, sie stemmen sich gegen die neue Unübersichtlichkeit. Die Indifferenz, die Geisler als großen Topoi beschreibt, der mit jedem Buch immer größer wird, die steckt ja in jedem von uns. In unserer Krisenzeit, von drohender KI-Apokalypse bis Arbeitsmarktkollaps, die ästhetische Indifferenz unserer Gen-Z wird noch kultiviert werden. Die von Drieu la Rochelle beschriebene Beliebigkeit des modernen Bürgers, der Individualismus und die ewigen Sinnkrisen, diese Dinge sind viel stärker geworden. Es ist die Hoffnung, mit Drieu la Rochelle aus diesen Dingen herauszufinden. Andreas Geislers Doktorarbeit ist keine leichte Kost, aber lohnenswert.
Wichtige Anmerkung! Französischkenntnisse sind bei diesem Buch hilfreich. Die vielen, vielen Zitate aus Drieus Romanen sind unübersetzt abgedruckt. Als Literaturstudent hat der Verfasser dieser Zeilen dadurch seine Französischkenntnisse auffrischen können.
L´écrivain á cheval: Das Erzählwerk Pierre Drieu la Rochelles zwischen Moderne, Antimoderne und Postmoderne von Andreas Geisler erscheint im Brill Fink Verlag (189 Seiten, 83 Euro). Für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars dankt der Verfasser dem Verlag.

