Daddy Issues, Geschwisterliebe und Kunst als Mittel zur Kommunikation. Der norwegische Regisseur Joachim Trier baut mit dem Familiendrama sein thematisches Arsenal weiter aus und schafft ein zutiefst menschliches Portrait einer zersplitterten Familie.
eine Rezension von Pavel Fridrikhs; Bilder © Plaion Pictures / Kasper Tuxen Andersen
Neunzehn Minuten. Und damit nur drei vom Weltrekord entfernt. So lang war die stehende Ovation bei den Internationalen Filmfestspielen im französischen Cannes für Joachim Triers Sentimental Value. Dass der Film im gleichen Zug den Großen Preis der Jury abräumte – den zweitwichtigsten Preis des Festivals – überrascht an der Stelle auch nicht mehr. Und er ist verdient.
Der Virtuose kehrt zurück
Dabei ist Sentimental Value an der Oberfläche ein simples Familiendrama mit klaren Verhältnissen: Die zwei Geschwister Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) haben eine eher angespannte Beziehung zu ihrem Vater Gustav (Stellan Skarsgård), der vor allem durch seine Abwesenheit glänzt. Zu Beginn des Films verstirbt zudem Nora und Agnes’ Mutter, die sich nach ihrer Scheidung von Gustav im alten Familienhaus um die beiden kümmert. Das nimmt der Rabenvater zum Anlass, nach Oslo zurückzukehren und das Haus wieder in seinen Besitz zu bringen – schließlich hängen gerade seine Vergangenheit und Erinnerungen daran. Die Konfrontation zwischen ihm und seinen nun erwachsenen Töchtern ist unausweichlich.

Wie oft in der Filmkunst, ist in Triers Sentimental Value nicht das „Was“ entscheidend, sondern das „Wie“. Was sich nach Gustavs Heimkehr nämlich entfaltet, ist ein Mosaik aus Handlungen und Reaktionen, durch welche Trier in jeder der Figuren Güte und Nahbarkeit aufdeckt. So egoistisch Gustavs Absichten scheinen mögen, er versucht sich aufrichtig am Kontakt mit seinen Töchtern. So neurotisch Nora durchs Leben geht, sie schafft es, ihr Umfeld zu lieben. So eingefahren Agnes’ Alltag mit Mann und Kind ist, sie will mehr über die Vergangenheit ihrer Familie erfahren. Den verknoteten seidenen Faden, der insgeheim alle verbindet und sich zum Ende des Films hin ein wenig löst.
Das mysteriöse Schriftstück
Gustav ist bei seiner Ankunft im heimischen Oslo nicht nur auf das Haus seiner Kindheit aus, sondern hat auch künstlerische Ambitionen. Ehemals ein angesehener Regisseur, hat er seit fünfzehn Jahren keinen neuen Film gedreht. Das soll sich nun ändern, wovon ein von ihm verfasstes Drehbuch zeugt, das er selbst als sein bestes bezeichnet. Dem stimmt auch Agnes zu, während Nora sich auf Nachfrage strikt weigert, im Film die Hauptrolle zu spielen, geschweige denn das Drehbuch zu lesen.

Damit funktioniert das Drehbuch fast wie das Schlüsselobjekt der Handlung. Allerdings spielt Trier hier mit offenen Karten. Sentimental Value zeigt schon früh, dass das Drehbuch auf Gustavs traumatischer Kindheit beruht: Seine Mutter erhängte sich im alten Familienhaus, während er zur Schule ging – dasselbe, in welches er zurück möchte und in dem seine Töchter aufwuchsen. Weil Nora ihm absagt, castet Gustav die US-amerikanische Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) und versucht, aus ihr ein Ebenbild seiner Tochter zu machen. Anstatt hier aber in die Untiefen eines psychologischen Thrillers abzutauchen, lässt Trier Gustavs Bemühungen eher verzweifelt als böswillig erscheinen. Darüber hinaus entwickeln Skarsgård und Fanning eine äußerst herzliche Dynamik, welche beide in ein besseres Licht rückt, bevor Sentimental Value in den dritten Akt geht.
Eine Schauspiel-Meisterklasse
All diese parallel verlaufenden Handlungsstränge liefen angesichts der zweistündigen Dauer bei einem anderen Film Gefahr, im Sande zu verlaufen. Dass sie das nicht tun, liegt nicht nur am Drehbuch, verfasst von Joachim Trier selbst und Eskil Vogt, sondern auch an der Leistung der Darsteller*innen.

Im Fall von Reinsve ist das nicht überraschend, sie hat bereits mehrfach mit dem Regisseur zusammengearbeitet und für ihre Hauptrolle als Julie in seinem Film Der schlimmste Mensch der Welt 2021 etwa den Amanda-Filmpreis erhalten. Umso mehr ist hervorzuheben, wie gut Skarsgård und Fanning mit ihr mithalten und sie manchmal sogar überbieten können. Eine besondere Erwähnung muss hier aber Ibsdotter Lilleaas gelten, die in ihrer Rolle als Agnes aufgeht und ihrer Schwester gegenüber einen nüchternen, der Welt zugewandten. Gegenpol bietet. Sie ist schließlich auch diejenige, die Nora während ihrer Sinnkrise in die Realität zurückholt – und zwar indem sie ihr mit Verletzlichkeit begegnet.
Der nächste Schritt in Triers Entwicklung
Letztere Begegnung ist auch das Highlight des Films; einerseits wegen der schauspielerischen Leistungen, andererseits wegen der ästhetischen Gestaltung. Hier wird nochmal deutlich, dass Trier ein Gespür für Nähe und Distanz, für Be- und Entschleunigung hat. Die Kamera verhält sich in der Regel ruhig und ihre Bewegungen bleiben überschaubar. Der Fokus verharrt auf den Darsteller*innen und ihrem Ausdruck, es weigert sich, Substanz für Stil zu opfern. Zugleich findet Sentimental Value auch Platz für visuell ansprechende Montagen, etwa als Agnes sich im Archiv Dokumente zu ihrer Familiengeschichte aushändigen lässt und die Kamera den gesamten Prozess begleitet – vom Betreten des richtigen Abteils über Gekrame in den Kartons bis hin zur handverlesenen Auswahl der Dokumente.
Wem die bisherigen Filme des norwegischen Regisseurs bekannt sind, der oder die weiß, dass Sentimental Value ähnliche Stärken aufweist wie auch schon Der schlimmste Mensch der Welt oder auch Oslo, 31. August. Der oder die wird merken, dass der vorliegende Film mit einem komplexeren Geflecht an Figuren jongliert und zudem in einem späteren Lebensabschnitt angesiedelt ist – Sentimental Value ist ein erwachseneres Werk von Trier. Und seine Botschaft, man dürfe nicht vergessen, seinen Mitmenschen Zuwendung zu schenken, kommt zur rechten Zeit.
Sentimental Value feierte im Mai 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes Premiere und kam am 4. Dezember 2025 in die deutschen Kinos. Der Film wird von Plaion Pictures vertrieben. In München führen ihn derzeit diverse zentrale Kinos sowohl in der Synchro als auch im Original mit Untertiteln auf.

