Zwischen Schließungen, Wahlkampf und Hoffnung auf Umbruch – Warum die Budapester Clubszene gerade jetzt politisch ist.
Von Franka Winkler; Titelbild © 444 / Balázs Kristóf
Ende Februar scheint es, als ob der Frühling in Budapest angekommen ist. Die Stadt fängt an aufzublühen, Menschen sitzen vor Cafés und genießen die Sonne. Aber es liegt eine seltsame Anspannung in der Luft. Wenn man, wie ich, die schlechte Angewohnheit hat, ständig bei den Gesprächen um einen herum mitzulauschen, nimmt man wahr, dass überall – vor der Bibliothek, in der Tram, beim Einkaufen – immer wieder ein Thema aufkommt.
Arzenál, einer der wichtigsten und kultigsten Technoclubs der Stadt, wurde am 27.02.26 für zwei Monate geschlossen, nachdem die Polizei Ecstasy und andere Drogen bei Besucher*innen gefunden hatte. Die Schließung musste sofort durchgesetzt, die für den Tag geplante Veranstaltung umorganisiert werden. In einem Statement äußern die Veranstalter, dass diese zweimonatige Schließung für den Club fatal sei, die Schäden könnten sich auf mehrere 10 Millionen Forint belaufen. Schwer zu stemmen für den unabhängigen Veranstaltungsort, der sich nun in seiner Existenz bedroht fühlt.
Ein Bekannter, mit dem ich mich in den Tagen danach unterhalte, äußert Bedenken über seine Freitagabendpläne. Eigentlich wollte er an dem Abend feiern gehen, in Turbina, einen in der alternativen Szene Budapests heiß geliebten Club und Eventspace für Kulturprogramme. Jetzt überlege er einfach zuhause zu bleiben, er habe gestern gekifft, und wer wisse schon, zu welchen Mitteln die Polizei in ihrem Kampf gegen die Drogen greifen würde. Das Risiko, in einen spontanen Urintest reinzulaufen, wolle er lieber nicht eingehen. Er ist nicht der Einzige in diesen Tagen, der anfängt sich zweimal zu überlegen, ob man wirklich feiern gehen möchte unter diesen Umständen.
Und es stellt sich heraus, dass mein Bekannter mit seiner Sorge nicht so weit entfernt ist von der Realität. Ein paar Tage später, am 04.03.2026, meldet das Kulturzentrum, es müsse mit sofortiger Wirkung einen Monat schließen. Es stellt sich heraus, dass die Polizei sich in einer verdeckten Aktion über mehrere Wochen unter die Menschen in Turbina gemischt hatte. Es stellt sich aber weiterhin heraus, dass sie allem Anschein nach nichts zu bemängeln hatte – laut Statement von Turbina lobte der Einsatzleiter die Professionalität und Aufmerksamkeit des Betriebes und nannte das Kulturzentrum „vorbildlich“. Stattdessen soll der Grund der Schließung eine vage, anonyme Aussage von jemandem sein, der behauptet, in Turbina Drogen erworben zu haben.
Nun sind es also schon zwei Clubs in einer Woche, die wegen dem tatsächlichen oder vermeintlichen Drogenbesitz- bzw. verkauf durch Besucher*innen zeitweise schließen mussten.
Clubschließungen als Kampf gegen Drogen – oder als Ablenkung?
Es sind die neuesten in einer Reihe von Veranstaltungsorten im Land, die im Zuge der neuen, strengeren Drogenpolitik der Regierung geschlossen wurden. Im Jahr 2025 wurden in Ungarn verschiedene Gesetze verabschiedet, die, statt der EU-Linie von Dekriminalisierung und Prävention zu folgen, auf starke Verschärfung im Umgang mit Drogen setzen. Darunter fällt unter anderem eine Regelung, die eine Minderung von Strafen für den Konsum von Drogen vorsieht, wenn man seinen Dealer preisgibt, oder eben das Gesetz, welches der Polizei ermöglicht solche Orte zu schließen, an denen Drogen hergestellt, verkauft oder konsumiert werden. Ob dies der richtige Weg im Kampf gegen die Drogen ist, sei für jetzt dahingestellt.
Jedenfalls steigt die Anspannung in den Straßen der Stadt, vor allemn in jungen Kreisen. In kaum einem Gespräch, welches ich in den nächsten Tagen führe, bleiben die Schließungen unerwähnt. Ich höre vor allem viel Verbitterung. Menschen, die sagen, sie fühlen sich, als ob das Ziel der Durchsuchungen und der Schließungen sei, ein Klima der Angst zu fördern, Freiheiten zu begrenzen und alternative, liberale Communities einzuschüchtern. Oder dass dies nur ein Manöver der Regierung sei, um abzulenken von all dem, was in Ungarn nicht gut läuft. Und darin höre ich auch Hoffnung – Hoffnung, dass sich am 12. April endlich alles ändert.
Eine Schicksalswahl für Ungarn – und darüber hinaus
Denn am 12. April 2026 sind Parlamentswahlen in Ungarn, und es könnten Wahlen sein, die nachhaltige Änderung bringen, über die Partyszene in Budapest, und sogar über das Land hinaus. Viktor Orbán, seit 16 Jahren Ministerpräsident Ungarns, hat in dieser Wahl einen ernstzunehmenden Herausforderer in Péter Magyar. Magyar wirbt damit, die Korruption zu stoppen, demokratische Institutionen zu stärken und sich der EU anzunähern. Dabei ist er keinesfalls der komplette Gegenentwurf zu Orbán, er wird als weitgehend konservativer Politiker eingeordnet, der auch keine großen Änderungen an der strikten ungarischen Migrationspolitik vornehmen möchte. Lange waren Orbán und Magyar sogar Parteigenossen, bis Magyar im Februar 2024 aus der FIDESZ aussteigt und die politische Führungsposition bei der bis dahin wenig bekannten „Partei für Respekt und Freiheit“ (TISZA) übernimmt.
FIDESZ begeht ihren Wahlkampf wenig mit Visionen für Ungarn, und setzt mehr auf die Angst der ungarischen Bevölkerung vor einer EU, die Ungarn in den Krieg in der Ukraine reinzieht. Auf Plakaten der Regierung ist Magyar zu sehen, flankiert von Ursula von der Leyen und Selenskyj, darunter die Bildunterschrift „Sie sind das Risiko“. FIDESZ wird im Kontrast dazu auf den Regierungsplakaten als „die sichere Wahl“ gepriesen.

Schon im letzten Wahlkampf 2022 hatte Orbán auf Angst vor Instabilität und Krieg als Wahlmotivation gesetzt, damals vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Die Wahl gewann FIDESZ haushoch. Fraglich ist, inwiefern diese Strategie noch einmal aufgeht. Denn die Missstände in Ungarn sind zum Teil unübersehbar – ein Skandal jagt den nächsten. Systematische Misshandlungen in staatlichen Kinderheimen, Jugendanstalten und deren Vertuschung, Inflation, die sich nun bei den allermeisten im Alltag spürbar macht, dabei aber Aufnahmen von Hatvanpuszta, dem Anwesen von Orbáns Vater, welches der Steinmetz für knapp 30 Millionen Euro sanierte und ausbaute. Parallel die fortschreitende Einschränkung von freien Medien nach russischem Vorbild, und die Liste lässt sich fortführen.
Es scheint aber, als ob nun der Zeitpunkt gekommen wäre, in dem das ungarische Volk bereit ist für Veränderung. Die Oppositionspartei TISZA unter Magyar führt in den meisten Umfragen mit rund 10 Prozentpunkten, und in manchen Wählergruppen sogar mit noch deutlicherem Vorsprung. Ein Sieg von TISZA wäre auch für Deutschland, die EU und vor allem für die Ukraine bedeutsam. Denn Ungarn verfolgt unter Orbán einen konfrontativen Kurs gegenüber der EU. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die EU als Feindbild dargestellt und das Vetorecht regelmäßig genutzt wird, um Hilfen für die Ukraine zu blockieren. Magyar dagegen spricht sich, zumindest bis jetzt, für eine Wiederannäherung an Europa und für ein westlich orientiertes Ungarn aus.
Und die Hoffnung in diesen Tagen ist auch, dass es nach dieser Wahl keinen Grund mehr geben wird, durch Clubschließungen Ablenkung zu schaffen. Solange nehmen die Menschen das Feiern in Budapest selbst in die Hand. Jeweils einige Tage nach der Schließung von Arzenál und Turbina finden auf öffentlichen Plätzen in Budapest Partys statt, um Solidarität mit den Veranstaltungsorten zu bekunden. Nach der Schließung von Arzenál wird eingeladen zum „Tanz für die Freiheit“ vor dem Parlament, Turbina organisiert eine „Musikalische Demonstration für die freie Kultur“ auf dem Rathausplatz.

Und es zeigt sich, dass das Bedürfnis, die Clubs zu unterstützen, vor allem für junge Menschen aber auch quer durch die Gesellschaft existiert. Zu den Veranstaltungen kommen teilweise mehr als tausend Menschen zusammen, um Musik zu hören, zu tanzen, sich zu solidarisieren und, letztendlich, um für die Freiheit zu feiern.

