Politikus Unileben

Das Große Schweigen

Im November 2025 wurde eine Veranstaltungsreihe an der LMU mit dem Titel „The Targeting of The Palestinian Academia“ abgesagt. Darin sollte es um die israelischen Angriffe auf palästinensische Student*innen und Professor*innen gehen. Die Vortragsreihe fand im Mai 2026 unter dem Titel „Die palästinensischen Universitäten und ihre besondere Beziehung zu Deutschland“ statt. Was bedeutet dies für die Wissenschaftsfreiheit an der Universität?

von Zoia Kroujiline; Titelbild Olivenbäume von Vincent Van Gogh

„‚Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, soll meine Rechte verdorren.‘: 2500 Jahre Sehnsuchtsort Palästina“. Unter diesem Titel fand am 6. Mai der erste Vortrag der neuen Veranstaltungsreihe statt und schon bei diesen Worten klingelten beim Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender (NJH) die Alarmglocken. Denn dabei soll „ein zentrales Zitat aus den jüdischen Psalmen, das die jahrtausendealte Bindung des jüdischen Volkes an das Land Israel ausdrückt, kontextverschoben verwendet und in seiner ursprünglichen Bedeutung verfremdet“ worden sein. Dieser Einwand fasst die zentrale Problematik um den Israel-Palästina-Diskurs in Deutschland perfekt zusammen.

Der Konflikt im Nahen Osten ist ein unfassbar komplexes und heikles Thema, meinte Prof. Dr. Andreas Kaplony zu Beginn seines Vortrags am 6. Mai, denn viele von uns haben eine emotionale Beziehung zum „Heiligen Land“. Umso wichtiger ist es, einen Ort zu schaffen, an dem man offen und respektvoll darüber reden kann. Kaplony, der die Veranstaltungsreihe auch organisierte, nahm sich dieser Aufgabe an. Doch als die Vortragsreihe letzten November unter dem ursprünglichen Titel „The Targeting of The Palestinian Academia“ angekündigt wurde, sprachen sich die CSU im Landtag und das NJH in einem offenen Brief an die LMU dagegen aus.

Das G-Wort

Das NJH vermutete Israel-bezogenen Antisemitismus sowie den Missbrauch des Genozidbegriffes und forderte eine sofortige inhaltliche und sicherheitsrechtliche Prüfung, heißt es in diesem Brief. Ob der von Israel geführte Krieg in Gaza als Genozid eingestuft werden könne, wird in den Medien sowie in der Wissenschaft rege diskutiert. Zahlreiche israelische und jüdische Akademiker*innen und NGOs – unter ihnen die Historiker, Holocaust- und Völkermordforscher Omer Bartov und Raz Segal sowie die NGO B’Tselem, die ihren Namen vom höchsten jüdischen Gebot, die Würde jedes Menschen zu achten, ableitet – argumentieren, dass nach Definition der UN-Genozidkonvention ein Völkermord an dem palästinensischen Volk begangen wird. Yuli Novak, Direktorin von B‘Tselem meinte 2025 in einem Interview: „Das Wesentliche ist: Es geht um koordinierte Angriffe mit dem Ziel, eine ganze Gruppe zu zerstören. Es gibt unterschiedliche Taktiken und Praktiken, aber das Ziel ist dasselbe. Tausende oder hunderte Menschen zu töten, ist kein Kollateralschaden.“

Genozid und Völkermord sind unfassbar stark aufgeladene Begriffe, mit denen sorgfältig umgegangen werden muss. Doch sie zu verbieten ist keine Option, vor allem nicht an einer Universität. Vielmehr sollte man sich hier in einem sicheren und geregelten Umfeld darüber informieren und miteinander diskutieren dürfen, um herauszufinden, was an dem Ort, zu dem so viele verschiedene Menschen einen Bezug haben, vor sich geht.

Angebote statt Verbote

Da die Nachfrage nach einer solchen Veranstaltung seitens der Student*innen beträchtlich war, lud die Hochschulleitung Kaplony ein, an der Gestaltung und dem Framing der Vortragsreihe zu feilen. Am Programm selbst wurde nichts geändert, dafür schätzt die LMU die akademische Freiheit zu sehr. Zum Schluss wurden die Vorträge in einen dreifachen Rahmen eingegliedert – Palästina als Sehnsuchtsort, das schwierige Reden über Palästina in Deutschland und die palästinensische Bildungslandschaft. Rückblickend sei es hart gewesen, die ursprünglich geplante Veranstaltung abzusagen, sagt Kaplony. Er findet aber, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei. Durch die Neuaufsetzung der Vortragsreihe habe er viel gelernt, darunter die Wichtigkeit des Framings. Für ihn bedeutet dies, dass man sich Raum nimmt, um über ein heikles Thema zu sprechen.

Kaplony spricht oft von Raum; Student*innen sollen an ihren Universitäten Raum haben, um miteinander über aktuelle Themen, die sie beschäftigen und betreffen, zu reden und diese zu diskutieren. Entfällt dieser Raum, kann sich die LMU nicht mehr als Förderin des kritischen Denkens behaupten. Zum kritischen Denken gehört die Fähigkeit, mit Widersprüchen umzugehen. In seinem Essay Grauzone über die Machthierarchien in Auschwitz schreibt der italienische Schriftsteller Primo Levi, dass Menschen dazu tendieren, die Komplexität der Geschichte zu scheuen. Wir neigen dazu, schreibt er, „den Strom der Ereignisse in der Menschheitsgeschichte auf Konflikte zu reduzieren, Konflikte auf Zweikämpfe, auf ‚wir‘ und ‚sie‘“. Der einzige Weg, diesem Bedürfnis nach Vereinfachung und Zuspitzung entgegenzuwirken, ist den Austausch konträrer Meinungen zu fördern. Wer sich nicht mit der Unbequemlichkeit von Widersprüchen und Wahrheiten auseinandersetzen möchte, wird nie aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausfinden. Vermutlich wird es für ihn sogar eine Anmaßung sein, sich im Titel einer Vorlesung über die Sehnsucht unzähliger Angehöriger der drei Weltreligionen nach Jerusalem auf Psalm 137 des Tanach zu beziehen. 

Die Gefahr des Schweigens

In Deutschland scheint das Reden über Israel und Palästina besonders schwierig zu sein. Kaplony zufolge liegt dies daran,  dass das ganze Thema „Israel“ die Deutschen eigentlich gar nicht interessiere. Da stutzt man aber! Im Israel-Palästina-Diskurs gehe es den Deutschen hauptsächlich um sie selbst. Nach der Schoah möchte man ja nichts Falsches machen oder sagen. An sich sei das etwas Gutes, meint Kaplony, doch indem man versuche alles richtig gut zu machen, mache man alles richtig falsch. Lieber schweige man, als dass man etwas sage, dessen gravierender Konsequenzen man sich nicht bewusst sei.

Versuche, politisch Druck auszuüben und Forderungen nach Zensur von außerhalb des Hochschulbetriebs schaden diesem von Vorsicht geprägten intellektuellen Diskurs nur. Kaplony ist Wissenschaftler und stets bemüht, heikle Themen differenziert in einen Dialog zu bringen. Doch wenn schon die Ankündigung einer Veranstaltung über Palästina einen Schwall an Einwänden und Beschwerden auslöst, schürt dies Angst und Unruhe bei den Studierenden sowie der Akademie und polemisiert ein emotional stark aufgeladenes Thema. In den Minuten vor Beginn des ersten Vortrags konnte man die Spannung im Raum spüren. So sollte es nicht sein. Man sollte mit Offenheit, Respekt und der Bereitschaft zu lernen und zu diskutieren in eine Vorlesung kommen, nicht mit Angst. 

Der  Krieg in Gaza ist mit Schmerz auf allen Seiten verbunden. Schmerz muss gehört werden, sonst wächst er, bis er einen zerfrisst. Jeder muss sich erlauben, über diesen Schmerz zu sprechen und den Schmerz anderer wahrzunehmen, denn wir haben geschworen nie wieder zu schweigen. So soll unser aller Rechte verdorren, Jerusalem, wenn wir dich vergessen. 

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