Philteratur Rezension

Däubler, Droste, Deutschland – Reinhard Mehring über Carl Schmitt und die Dichter

Der Schmitt-Forscher Reinhard Mehring rollt erneut die Frage auf, in welchem Verhältnis Carl Schmitt zu Literatur stand, welche Dichter ihn prägten, wie das mit seiner Rolle im Nationalsozialismus zusammenhängt, und warum bei Heidegger alles ähnlich aber doch ganz anders ist.

Rezension und Bild von Wenzel Braunfels

Dieses kleine Büchlein enthält eine Vortragsreihe – der Autor spricht von einem Vortragszyklus – über Carl Schmitt und seinen Umgang mit Literatur, die Reinhard Mehring im April 2026 in China gehalten hat. Die fünf Vorträge sind hier, ergänzt um Fußnoten, ein knappes Vorwort und den Anhang von drei Briefen Carl Schmitts an Theodor Däubler, unverändert abgedruckt.

Der erste Vortrag, „Gesang im Duett? Zum literarischen Kanon von Martin Heidegger und Carl Schmitt“, greift die gelegentlich in der Fachliteratur erwähnten Parallelen der Biographie Heideggers und Schmitts auf: selbe Generation, Weltkriegserfahrung abseits der Front, früher wissenschaftlicher Durchbruch in den 1920er-Jahren, opportunistischer Karrierehöhenflug im Nationalsozialismus, ambivalentes Verhältnis zur Bundesrepublik. Mehring lenkt, davon ausgehend, die Aufmerksamkeit auf den Umgang der beiden mit Literatur und Sprache. Die Vergleichspunkte liegen auf der Hand: Beide prägten früh und anhaltend sprachliche Formen und Begriffe, Heidegger weitaus neologistischer, Schmitt mit mehr Breitenwirkung. Und beide waren früh um die Etablierung eines für sie jeweils relevanten literarischen Gegenkanons zum bildungsbürgerlichen Mainstream bemüht; bei Heidegger war seine Konzeption der Seinsgeschichte ausschlaggebend, bei Schmitt mehr persönlicher Geschmack und, vor allem, seine persönliche Identifikation mit dem Gelesenen. Der Vergleich bleibt in der Trennung, die Parallelen kreuzen sich nicht und Mehring kann nur mehr die Unterschiede festhalten: Für Heidegger spielt die christliche Kunst keine Rolle, für Schmitt ist sie wichtig. Heideggers Dichter sind Hölderlin und Rilke, Schmitts Dichter sind Theodor Däubler und später Konrad Weiß und Annette von Droste-Hülshoff. Der erste Vortrag ist der kürzeste und legt den Grundstein für die weiteren, in denen Mehring den weitaus weniger bekannten Gegenkanon Schmitts näher untersucht und aufzeigt, wie sie sich dieser in Schmitts eigenem Schreiben niederschlägt.

Im zweiten Vortrag untersucht Mehring „Schmitts Verhältnis zur Dichtung Theodor Däublers“. Der heute so gut war nicht gelesene und jenseits Schmittianischer Kreise auch kaum dem Namen nach bekannte Dichter Theodor Däubler (1876-1934) war ein eigenwilliger Vertreter der deutschen literarischen Moderne, Schmitt lerne ihn in den 1910er-Jahren in Düsseldorf kennen und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern. Der junge Schmitt publizierte 1916 eine Interpretation von Däublers Hauptwerk, „Das Nordlicht“, und blieb bis an sein Lebensende von Däublers Dichtung geprägt, auch wenn er ob Differenzen über die Gretchenfrage zunehmend auf persönliche Distanz zu seinem Dichterfreund ging. Mehring nutzt die allgemeine Unbekanntheit Däublers, zumal vor chinesischem Publikum, um dessen Leben und Dichtung ausführlicher vorzustellen und zu zitieren. (Vielleicht ist Däubler über die enorme Schmitt-Rezeption in China dort gar bekannter und mehr gelesen als hierzulande.) Über die Marginalien in Schmitts Handexemplaren der Schriften Däublers zeichnet Mehring die lebenslange Auseinandersetzung nach und arbeitet, wie bereits andere vor ihm, heraus, dass für Schmitt die Person Däubler zunehmend hinter dem Text und einzelnen Textstellen, Versen, die für Schmitt von besonderer persönlicher Bedeutung waren, verschwindet.

Die katholische Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff wird Schmitt spätestens in den 1940er-Jahren zu einer wichtigen Identifikationsfigur. Zugleich wendet sich Schmitt persönlich von Däubler ab in der Erkenntnis dessen pan-theistischen, vielleicht gar faustisch-abendländischen, jedenfalls nicht christlichen, geschweige denn katholischen, Sonnen- und Lichtkults. Mehring zeichnet diese Entwicklung im dritten Vortrag, „Von Däubler zur Droste: Rekatholisierung?“ nach. Ein das Wort „Nordlicht“ enthaltender Vers der Droste im „Geistlichen Jahr“ wird hier zur entscheidenden Wendung in Schmitts Däubler-Interpretation und ein Schlüssel für Schmitts „christliches Geschichtsbild“.

Im vierten Vortrag, „Der ‚letzte christliche Mythos‘: von Konrad Weiß zu Kaspar Hauser“, vertieft Mehring die zuerst durch Däubler, später durch die Droste angestoßene christlich-katholische Geschichtsdeutung und allgemeinen Geschichtsmythologie und -politik Schmitts. Anhand Schmitts Rezeption des Dichters Konrad Weiß und dessen Buch „Der christliche Epimetheus“, deren „extrem sperrigen und verrätselten, neologistischen Überlegungen“ Mehring „nicht weiter entziffert“, eröffnet sich das Thema der frühen nationalistischen Begeisterung und der Parteinahme mit Hitler als vermeintlicher christlicher Epimetheus oder Katechon – einer Position von der Schmitt schnell abrückte. Doch ausgehend von der Auseinandersetzung mit Weiß entwickelte Schmitt Gedanken zu einem „letzten christlichen Mythos“, die sich zunächst in Überlegungen zur Figur des Kaspar Hauser und dessen literarischen Rezeption zeigten, wie Mehring anhand von Tagebucheinträgen und Briefen der 1940er- und 50er-Jahre nachweist.

Mehring erwägt die Möglichkeit, dass Schmitt statt später über Shakespeare zu schreiben, stattdessen entweder über Kaspar Hauser oder Schillers Demetrius-Fragment ein Buch hätte schreiben können, in dem er sein katholisches Selbstverständnis, politische Überlegungen zu Fragen von Machtwechsel und Thronfolge, sowie seine eigene Stellung im Machtapparat der Nationalsozialisten behandelt und verarbeitet hätte. Von dem letztgenannten Punkt schreitet Mehring zu Überlegungen zur Widmungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, die, angesichts der geschichtspolitischen Situation der jungen Bundesrepublik, den Untergang des Reiches – des Deutschen schlechthin, nicht zwangsläufig dem nationalsozialistischer Prägung – nicht in patriotischem Erinnerungskult schwelgen konnte, sondern das Schicksal Deutschlands durch die Widmung an einzelne Gefalle privatisiert. Da es in Schmitts Schülerkreis an solchen, zumal bedeutenden, mangelt, muss Mehring wieder auf Heidegger zurückgreifen, um diesen Punkt zu illustrieren.

Im letzten Vortrag, „Hamlet oder Hekuba: eine Legende zu Carl Schmitts Auftritt und Rolle im Nationalsozialismus“, legt Mehring Schmitts historisierenden Shakespeare-Studie „Hamlet oder Hekuba. Der Einbruch der Zeit in das Spiel“ von 1956 als „didaktischen“ Text aus, dessen „esoterischer“ Subtext eine Selbsterklärung Schmitts für seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, sowie eine allgemeine Demonstration für Schmitts „autobiographischen und politischen Umgang mit Dichtung.“ Statt diese These am Text zu belegen, leitet Mehring dieser aus der Genese des Buches ab: In Briefen mit dem Verleger steht nämlich zunächst in Rede, dass Schmitt ein Buch über Hitler schreiben solle, was er ablehnte. Da er stattdessen dann über Hamlet schrieb und darin erneut das Problem der Thronfolge und den Untergang eines Reiches thematisierte und diese in einem konkreten historischen Fall verortete, den Shakespeare in Dänemarks Hamlet allegorisiere, müsse Schmitts Buch wiederum eine Allegorie auf Hitlers Deutschland und Schmitts Rolle darin sein.

Mehrings Vorträge sind keine Auslegungen einzelner Schriften Schmitts, sondern eine eklektische Sammlung von Briefen, Tagebucheinträgen, Notizen und Marginalien, die ein einheitliches Bild zeichnen. In diesem ist Schmitt ein intensiver und aufmerksamer Leser, der einen eigenen Kanon an für ihn prägenden Autoren und einer Autorin bildete. Ein Kanon, der selbst eklektisch ist und in jeder Hinsicht außergewöhnlich ist – ob nun für Schmitt als Juristen, Politikwissenschaftler oder katholischen Laientheologen. Schmitt traf seine Auswahl, weil er sich persönlich mit Figuren dieser Dichter oder einzelnen Sätzen oder Versen ihrer Schriften identifizierte. Nicht alle davon fanden expliziten Niederschlag in den Publikationen Schmitts, und alle finden weitaus mehr Erwähnung in Marginalien, Tagebüchern und Briefen. Für Schmitts Selbstverständnis sind diese Bemerkungen wichtig, und ebenso für uns, wenn wir Schmitt verstehen wollen, wie er sich selbst verstanden hat.

Dennoch hat Schmitt auch in seinen Büchern tiefste Gedanken über sein Selbstverständnis mitgeteilt. Der bloße Hinweis „Schmitt beherrschte die Kunst des esoterischen Schreibens. Er unterschied zwischen exoterischen und esoterischen Aussagen, Buchstaben und Geilt und wollte als Autor eigentlich nur auf kompetente Leser und Freunde wirken. Große Kunst ist oft gleichzeitig einfach und komplex; sie richtet sich an die Massen wie an die Kenner“ ist nicht hinreichend, wenn er nicht anhand der Bücher nachgewiesen wird. Diesen Nachweis bleibt Mehring uns schuldig, zumal wenn er mit dröhnendem Schweigen die zwei Bücher mit keiner Silbe und in keiner Fußnote versteckt erwähnt, in denen dieser Nachweis erbracht wurde. Welche Gründe Mehring auch haben möge, einen Autor, mit dem er sich den Doktorvater teilte, unerwähnt zu lassen, mag uns hier nicht weiter interessieren. Dass jener in den 1990er-Jahren einen wesentlich schlüssigeren Nachweis geliefert hat, dass Schmitts Leviathan-Studie mehr ein Buch über sich selbst als über Hobbes ist, als Mehring es mit seiner Schmitt-Shakespeare-Hitler-These, die er, wie er nicht unerwähnt lässt, seit den frühen 1990er-Jahren vertritt, tut, gibt hingegen zu Denken.

Nach der Dissertation „Carl Schmitt als Literaturkritiker“ der Chinesin und Linjing Jiang von 2013 und der großen Studie „Carl Schmitt und die Literatur“ des Münchner Anglisten Andreas Höfele von 2022 liegt nun eine dritte Monographie zu Schmitt und der Literatur vor. Mehrings Vorträge sind auch als eine Antwort auf Höfele zu lesen, der immer wieder kontrastierend herangezogen wird. Die ständige Auseinandersetzung mit Höfele ist hierbei produktiv, da Mehring in der Abgrenzung von dessen Interpretationen seine Argumente oder Punkte klarer ausstellen kann. In jedem Fall ist sie produktiver als die immer wieder herangezogenen Parallelen zu Heidegger, die eben nie über die historische Gleichzeitigkeit unter sehr ähnlichen historisch-politischen Voraussetzungen hinausgehen. Schmitt und Heidegger singen eben, wie Mehring selbst am Schluss seines ersten Vortrags feststellt, nicht im Duett. Sie singen beide ihre eigene Melodie und teilen sich höchstens in Teilen die Zuhörerschaft. Dies ist zwar genau der Punkt, den Mehring machen möchte – bereits im Vorwort moniert er die Gleichsetzung der beiden –, erweckt im Text dann aber eher den Eindruck, dass er diese Gleichsetzung nicht in eine Ungleichung verwandeln will, sondern aus Konvention bespielt.

Als Vorträge konzipiert, geschrieben und gedruckt fällt die Lektüre leichter als die einer tiefschürfenden Studie oder beispielsweise Mehring großer Schmitt-Biographie von 2009. Mit der Form der Vortragsreihe ergeben sich gewisse redundante Wiederholungen einzelner Aussagen, die bei einer gründlichen Durchsicht für die Publikation vielleicht hätten eliminiert werden können. Liest man gründlich, fällt gelegentlich auch auf, dass einzelne Punkte in Fußnoten genannt werden, die ebenfalls im selben Zusammenhang im Fließtext zu finden sind. Am auffälligsten ist dies bei Fußnoten inmitten des Satzes, die den Punkt des Satzendes vorwegnehmen.

Für wen ist dieses Buch also nun gedacht? Ordentliche Schmittianer werden hier wenig Neues lernen, zumal wenn sie mit Mehrings Schmittianischer Publizistik vertraut sind. Aber sie bekommen Mehrings Schmitt-Verständnis in einer übersichtlichen und gut lesbaren Form präsentiert. Wer sich für Schmitts Verhältnis zur Literatur interessiert ist mit der erwähnten Studie von Andreas Höfele besser bedient. Wer sich für Schmitts Selbstverständnis interessiert, lese Schmitt gründlich. Wer aber Mehrings Büchlein liest, lässt sich vielleicht von den längeren Däubler-Zitaten in der Mitte begeistern und beginnt zu verstehen, warum Däubler Carl Schmitt zeitlebens so elektrisierte – und liest dann Theodor Däubler.

Reinhard Mehring: Carl Schmitts literarische Prägung. Fünf Vorträge zum Kanon und „Geist“ des Werkes. Klostermann, 2026. 144 Seiten. 22,80 €. Für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars dankt der Autor dem Verlag. 

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