Kulturphilter Rezension

Cabaret – das Lachen hat ein Ende

Wer mit Musicals nicht vertraut ist, könnte beim bloßen Begriff meinen, dass bei dem Genre Ästhetik vor Inhalt geht. Bewegung, Trubel, Leichtigkeit. Doch das tut dem Genre unrecht, wenn man etwa die Inszenierung des Klassikers Cabaret am Residenztheater betrachtet. Genau dieses gewichtige Stück hat nun die Ehre, mein allererstes Musical zu sein.

von Pavel Fridrikhs; Bilder © Residenztheater / Monika Rittershaus

Versetzen wir uns in das Deutschland der 30er Jahre. Um genau zu sein, in den sagenumwobenen Berliner Kit Kat Klub. Nehmen wir die Lebenswege, die sich dort überkreuzen und konfrontieren sie mit der Machtergreifung durch die Nazis. So in etwa lässt das Musical Cabaret in aller Kürze zusammenfassen. Gewagt, wenn man bedenkt, dass der Titel des Stücks doch eher nach Frohsinn klingt.

Geschichtsträchtiges Source Material

Hinter der Inszenierung von Cabaret am Residenztheater München steckt ein längerer, komplexer Werdegang. Ganz am Anfang waren die zwei Romane Mr. Norris steigt um und Leb wohl, Berlin, die der britisch-amerikanische Schriftsteller Christopher Isherwood in den 1930ern geschrieben hat. Auf Basis davon entstand 1951 das Schauspiel I Am a Camera, welches dann 1966 zu Cabaret verarbeitet wurde, nunmehr ein richtiges Musical. Jetzt, Jahrzehnte später ist es am Residenztheater gelandet – und damit ein ziemlicher Ausreißer, wenn man bedenkt, dass das besagte Theater nicht für seine Musicals bekannt ist und sie nur ausgesprochen selten auf die Bühne bringt.

Die Sängerin Sally Bowles verdingt sich mit ihren Talenten am Kit Kat Klub in Berlin und kostet dort das Leben in Hülle und Fülle aus.

Normalerweise wäre es an dieser Stelle nun angebracht, einzuschätzen, inwiefern das Residenztheater dem Vorhaben gerecht wird, ein Musical darzubieten. Problematisch nur: Ich war zuvor noch nie in einem drin. Der ein oder anderen Person mag dieser Umbruch in die Ich-Perspektive jäh oder ungewohnt erscheinen, doch es ist die Linse, durch die ich das Stück betrachten muss. In meinen Augen sollte ein Musical überschwänglich sein, laut, pompös, vielleicht sogar dekadent. Doch so wirkt Cabaret über weite Strecken nicht. Das Stück macht im Laufe der Vorstellung nämlich eine beachtliche Entwicklung durch.

Ekstase trifft Trostlosigkeit

Alles beginnt damit, dass die Cliff Bradshaw, ein junger US-amerikanischer Schriftsteller, in den frühen 1930ern nach Berlin zieht, um dort an seinem Roman zu schreiben. Er hofft, dass die Umgebung ihm die Freiheiten und Inspiration gibt, die er in seinem Heimatland nicht findet. In Berlin kommt er in einer Pension unter und findet schnell Gefallen an dem örtlichen Kit Kat Klub, wo er auch die englische Sängerin Sally Bowles kennenlernt (siehe obiges Bild). Die beiden beginnen eine Affäre und genießen das Leben. Ähnlich scheint es den meisten ihrer Mitmenschen zu gehen: Das dargestellte Berlin ist ein Ort des Austauschs, der Unterhaltung und der Diversität. Aber eben nur kurz.

Zum zweiten Akt hin ändern sich Bühnenbild und Stimmung gewaltig, das Stück kippt gewissermaßen.

Bis hierhin hakt Cabaret das ab, was ich von einem Musical – blauäugig wie ich bin – erwarte. Es geschieht viel auf der Bühne, Figuren treten kurz auf den Plan, performen und verschwinden, ich kann die Songtexte akustisch nur halb verstehen. Alles im Rahmen des Erwartbaren. Ich betrachte das kritisch, da ich Vorbehalte und die Befürchtung habe, dass der Tiefgang ausbleibt. Ein Irrtum, wie mir zum Ende vom ersten Akt blüht. Denn genau da entpuppt sich Cliffs Bekannter, der deutsche Schmuggler Ernst Ludwig, als Nationalsozialist. Die Stimmung vergiftet sich schlagartig, die Figuren ändern ihre Rollen.

Plötzlich: Dilemmata!

Diesen Switch vollführt die Inszenierung meisterhaft. Es klingt davor schon durch, dass Ernst nicht einfach nur ein Kumpel von Cliff ist. Schließlich wird letzterer von Ernst auch damit beauftragt, mysteriöse Koffer an zwielichtige Gestalten zu übergeben – für ein stolzes Sümmchen Geld, das dem mittellosen Cliff nicht ungelegen kommt. Im Wissen, in welcher Epoche das Musical spielt, erwartet man eine vergleichbare Entwicklung. Dennoch kommt sie herangerauscht wie ein Schlag in die Magengrube. Während man als Zuschauer*in am Überlegen ist, wie sich das auf die Hauptfiguren auswirkt, senkt sich der Vorhang zur Pause. Dass alles gut wird, erwartet wohl niemand, nicht einmal ich als Neuling.

Im Allgemeinen schafft Cabaret es, durch sein Setting einen enormen Kontrast zwischen den zwei Lebenswelten herzustellen. Der Kit Kat Klub ist ein Ort der Gelüste, Hedonismus und Freizügigkeit werden doch intensiv ausgelebt. Die Nazis, die zur Mitte hin auf den Plan treten, stehen für das exakte Gegenteil: die Beschränkung der individuellen Freiheit und Menschlichkeit, die Unterordnung gegenüber einem größeren Ziel, einem Staat, einer Ideologie. Die Darstellung beider grenzt an eine Karikatur, überschreitet aber nie ein Maß, das die Handlung unnahbar erscheinen lassen könnte. Umso schmerzlicher trifft die Zuschauer*innen die Kollision beider Lebenswelten.

Cliff und Sally blicken nach der Machtergreifung durch die Nazis einer unsicheren und schlussendlich getrennten Zukunft entgegen.

Der zweite Akt ist bedeutend kürzer als der erste. Und doch passieren genau dort die Zerwürfnisse, die Cabaret als Musical sein Gewicht geben. Es gehen schlussendlich nicht nur Cliff und Sally getrennte Wege. Cliff trifft, je nach Perspektive, die vernünftige Entscheidung bzw. flieht aus dem Land. Genauso wie auch ein älteres verlobtes Pärchen, wo der Mann Jude ist und damit seine baldige Frau hätte gefährden können. Alles zerbricht, sowohl die Figuren als auch das Bühnenbild, das im zweiten Akt aus versprengten Schreibtischen, einer winterlichen Ästhetik und einer ominösen Leere geprägt ist. All das tritt an die Stelle des bewegten Bühnenbilds aus dem ersten Akt, das zwischen dem freudigen Kit Kat Klub und der Pension hin und her springt, in welcher Cliff versucht, seine Liebe und sein Schaffen miteinander unter einen Hut zu bringen.

Generisches Setting, bewegendes Stück

Dieses Scheitern und die Tristesse, die das Musical durchströmt, heben es über die zu Beginn einfältig wirkende Fassade hinaus, die das Label „Musical“, zumindest für mich, verspricht. Auch wenn ich das Genre wahrscheinlich nicht so durchdringe, wie ich es mir wünschen würde, konnte ich dem Stück und vor allem der soliden Inszenierung so einiges abgewinnen. Natürlich merkte ich, dass letztere nicht die Bravado eines Broadway-Musicals aufweist, dass der Gesang nicht so stark widerhallt, wie er es könnte, dass alles ein eher kleineres, intimeres Format hat. Doch ich bin froh, dieses emotionale Stück mit angesehen zu haben. Und über die Person, die mich zu ihm geschleppt hat. 

Das Musical Cabaret feierte am 12. Dezember 2025 im Münchner Residenztheater Premiere und wird dort das nächste Mal erst nach der kürzlich gestarteten Sommerpause aufgeführt – aktuell am 15. und 16. Oktober. Es sind noch Karten verfügbar. Das Stück dauert rund drei Stunden und beinhaltet eine Pause nach ungefähr zwei Dritteln der Spieldauer.

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