Ist Emma Stone in Wahrheit ein Alien, das es auf die Erde abgesehen hat? Giorgos Lanthimos zeigt in „Bugonia“ die pathologischen Abgründe von Verschwörungsdenken und menschlichem Versagen. Aktualitäten in Gestalt eines gewohnt sardonischen Psychothrillers.
von Johannes F. Schiller; Bilder © Focus Features
Bei Giorgos Lanthimos haben außergewöhnliche Titel Programm. Schon „The Killing of a Sacred Deer“ (2017) verwies mit seinem Titel auf griechische Mythologie: Agamemnon sühnt die Schlachtung einer heiligen Hirschkuh mit der Opferung seiner Tochter Iphigenie, eine Art Gleichgewicht der Opfergaben. Mit „Bugonia“, dem neuen Film des gefragten Griechen, ist der antike Volksglaube gemeint, wonach Bienen einem Rinderkadaver entspringen. Damit verbunden ist die Überlegung, ob Leben aus toter Materie entstehen kann, die Möglichkeit von Wiedergeburt und Regeneration. Die Rückgriffe auf mythische Erzählungen dienen als anschauliche Leseschlüssel in gleichem Maße wie sie den gleichnishaften Charakter des Lanthimos’schen Universums in deren bizarrer Eigenlogik von Opferung, Schuld und Sühne fortführen.
Teddy (Jesse Plemons) ist überzeugt von intergalaktischen Machenschaften. Online-Recherchen und frühere aktivistische Unternehmungen haben ihn nur weiter in die verschlungenen Pfade der Verschwörungspraxis geleitet. Politisch ist er längst nicht mehr einzuordnen. Für ihn ist der Planet bereits durchsetzt von Andromedanern, die die Menschheit insgeheim in die Knechtschaft zwingen. Sie seien verantwortlich für das Bienensterben, die große Öko-Chiffre des Films – Teddy widmet sich nebenbei mit liebevoller Hingabe der Imkerei. Im Bienenvolk sieht er das Idealbild harmonischer Zivilisiertheit verkörpert, das nun von außen bedroht werde. In der unnahbaren Pharmaunternehmerin Michelle Fuller (Emma Stone), CEO des Biotech-Konzerns, für den Teddy Pakete packt, erkennt er eine solche Außerirdische aus der Andromeda-Galaxie.

Gemeinsam mit seinem geistig zurückgebliebenen Cousin Don (Aidan Delbis) entführt er die hochrangige Dame und kettet sie in den Keller seines Hauses am Waldrand. Zuvor rasieren sie noch ihren Kopf kahl, damit sie keinen Kontakt mit ihrem Mutterschiff aufnehmen kann. Michelle steht vor einem absurden Tribunal: Teddy zwingt ihr ein Geständnis ab, dass sie ein Alien ist. Bei der anstehenden Mondfinsternis soll sie die Männer zu ihrem Raumschiff bringen, um die Vernichtung der menschlichen Spezies zu verhindern …
Wir Aliens
„Bugonia“ kommt ohne die manierierten Kameraeffekte von „Poor Things“ (2023) aus, ist verhältnismäßig geradlinig konstruiert und profitiert von seiner südkoreanischen Filmvorlage „Save the Green Planet!“ (2003), die Lanthimos ins Extrem von Verschwörungsideologie, Macht- und Kontrollverlust treiben darf. Teddy manipuliert den unschuldigen Don, Teddy koordiniert die Entführung und Folterungen, doch sind es am Ende die trotteligen conspiracy nuts, die Opfer eines sie zersetzenden, ausbeuterischen Systems sind, und von Anfang an waren.

Dagegen mimt Emma Stone den souveränen Übermenschen mit Selbstoptimierungszwang, das Negativbild ihrer Kindsfrau-Rolle in „Poor Things“. Sie hat beruflich alles unter Kontrolle, einen Personal Trainer und jede Menge servile Assistent*innen. Bei einem Imagevideodreh muss sie sich mit lästigen Diversitätsfragen herumschlagen. Eine waschechte Kreatur kapitalistischer Selbstvermarktung – ihre ganz eigene Art von Alien. Vor allem intellektuell vermag sie sich zu behaupten gegen ihre männlichen Entführer (Stichwort ‚Echokammer‘ und daueronline). Doch die Konstellation der gesunden Gefangenen und der irren Hinterwäldler enthält eine ambivalente Note, ist nie ganz eindeutig zu werten. Was steht auf dem Spiel? Sexuell ist Michelle ohnehin nicht interessant für Teddy und Don, was direkt thematisiert wird. Die beiden haben sich im Vorfeld für das Projekt selbst chemisch kastriert.
Die Ohnmacht des Wahren
Neben einem zeitgenössischen amerikanischen Klassenkampf ist „Bugonia“ vor allem eine zynische Abrechnung mit dem System der Wahrheitsfindung. Der Film führt gleichsam das Publikum vor und bekräftigt die dogmatische Sichtweise der Konspiranten, eine paranoide Lesart über den Kollaps westlicher Zivilisation. Lanthimos‘ Skepsis richtet sich gegen die Errungenschaften des Rationalismus, gegen ein vermeintliches Regime des Logos, des Wissens und Wissen-Könnens, wofür die europäische Aufklärung sinnstiftend war. Die Gefahr kommt schließlich von ganz woanders, unerwartet oder vielleicht doch konsequent in seiner Diagnose eines selbstherrlichen Nihilisten wie Lanthimos.
Am Ende darf Marlene Dietrich wehklagend ihre Version von „Where have all the flowers gone?“ singen, während die sich selbst zerstörende, verblendete Menschheit zugrunde gegangen ist. Flora und Fauna dagegen erwachen zu neuem Leben: ein notwendiges Opfer, um den Störfaktor Mensch zu überwinden. Dietrichs Stimme kommentiert ironisch „When will they ever learn?“
Eine Biene trägt Pollen zur nächsten Blüte. „It’s like sex, but cleaner“, hatte Teddy zum Prozess der Bestäubung aus dem Off gesagt …
Bugonia ist seit dem 30. Oktober 2025 in den deutschen Kinos zu sehen, 118 Minuten, im Vertrieb von Focus Features / Universal Pictures Germany. Mit Emma Stone, Jesse Plemons, Aidan Delbis, Alicia Silverstone.

