Filmreihe

Berauschende Bilder – „Wuthering Heights“

Pünktlich zum Valentinstag kommt mit „Wuthering Heights“ eine eigenwillige Interpretation von Emily Brontës Roman in die Kinos, die das Begehren seiner Figuren ins Zentrum stellt.

von Marlene Marek; Bilder © Warner Bros. Entertainment Inc.

Bereits vor der US-Premiere von „Wuthering Heights“ wurde in den sozialen Medien, besonders unter eingefleischten Brontë-Fans und Gothic-Literature-Liebhaber*innen, über diese so anrüchig anmutende Adaption von Emerald Fennell diskutiert. Nach Veröffentlichung der ersten Trailer hagelte es Kritik: Die Kostüme entsprächen nicht der Mode der viktorianischen Epoche; und warum werde der Film als „die größte Liebesgeschichte aller Zeiten“ beworben, wo doch jedem und jeder, die auch nur den Wikipedia-Eintrag zum Roman überflogen hat, klar sein müsse, dass die Beziehung zwischen Cathy und Heathcliff nichts mit einer erstrebenswerten oder liebevollen Partnerschaft zu tun habe. Ein weiteres problematisiertes Detail: die Besetzung von Jacob Elordi als Heathcliff, der in Brontës Roman als „dark skinned“ beschrieben wird, – aber dazu später mehr.

Kurz und gut: Laut der Wuthering-Heights-Fangemeinde schien schon im Vorhinein festzustehen, dass diese Verfilmung ihrer Vorlage nicht treu bleibe und es deshalb fraglich sei, ob sie überhaupt gelingen könne. 

Eine Frage der Übersetzung

Daraus ergibt sich nun die Frage, was eine Literaturadaption überhaupt leisten muss. Da mit der Verfilmung das originäre Material zwangsläufig das Medium wechselt, muss diesem Wechsel durch die Adaption auch Rechnung getragen werden. Einen Roman mittels filmischer Mittel einfach nacherzählen zu wollen, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Schließlich funktionieren zeitliche, räumliche und perspektivische Dimensionen in einem literarischen Text anders als im Film. Stattdessen muss auf Ebene der Motive, Themen und auch der Wirkung des Originals eine Übersetzung für das neue Medium gefunden werden. Glücklicherweise ist sich die Regisseurin Emerald Fennell der Unmöglichkeit einer Verfilmung sehr bewusst. Darauf weisen bereits die prominent gesetzten Anführungszeichen im Filmtitel hin. Dies ist nicht Wuthering Heights, das soll es auch nicht sein, dieser Film ist eine andere Geschichte. Statt Brontës Roman zu bebildern, befragt sie ihn mittels ihres Mediums neu und nimmt radikale Änderungen vor, die auch einigen Nebenfiguren eine Autonomie verleihen, die sie in der Romanvorlage nicht haben. So ist beispielsweise die Gouvernante Nelly zwar nicht länger die beobachtende Erzählerin der Handlung, gewinnt jedoch an Handlungsmacht: Immer wieder dreht sie aus purem Eigeninteresse an den dramaturgischen Stellschrauben der Konflikte. 

Fennell erzählt mit ihrem Film nur die erste Hälfte des Romans – die unter Heathcliffs Rachsucht leidende Folgegeneration wird gar nicht erst das Licht der Welt erblicken. So verengt sich der Fokus auf die Beziehung von Cathy und Heathcliff. Margot Robbie und Jacob Elordi verstehen es, die Intensität der Gefühlswelten ihrer Figuren, deren verzweifelte Besitzansprüche und unbedingte Leidenschaft zu vermitteln und noch dazu die Sprache des 19. Jahrhunderts und das Pathos zu tragen, das in den Dialogen erhalten geblieben ist. 

Das opulente, kulissenartige Setdesign korrespondiert mit den Gefühlen der Figuren.

Bühne frei fürs Drama

Catherine und Heathcliff leiden beide unter etwas, was man heutzutage wohl als „Main-Character-Syndrom“ bezeichnen könnte. So erwidert auch Nelly auf Cathys Vorwurf: „You like to see me suffer“, nur: „Not as much as you like crying.“

Beide sind ganz ausgefüllt von ihren Gefühlswelten – die äußere Welt dient dabei lediglich als Bühne: Wenn die Gedanken ausschließlich beim anderen sind, dann kann der Rest der Welt nur zur Kulisse werden. Wenn allein die Beziehung zueinander echt erscheint, muss alles Übrige künstlich und falsch wirken. Fennells Film zeigt genau das durch opulente Kostüme, dramatische Beleuchtung und Räume, die in ihrer ausgeprägten Artifizialität und Metaphorik an eine Theaterbühne erinnern und ihre Kulissenhaftigkeit offensiv ausstellen. Weiter unterfüttert wird die Drastik dieser Innerlichkeit zusätzlich, indem immer wieder auf Ikonografien des Melodrams rekurriert wird (schon das Filmplakat erinnert an Gone With the Wind). So reitet der zurückgestoßene Heathcliff als schwarzer Schatten in einen übersättigten Sonnenuntergang und ständig sinken Körper ergriffen von emotionalen Regungen darnieder. 

Die Angst vor der Erniedrigung 

Ein zentrales Element von Cathys und Heathcliffs Beziehung ist die Verschränkung von Begehren und Macht. Der Film schafft es an einigen Stellen, die Erotik zwischen den beiden spürbar werden zu lassen – vor allem, wenn dies nicht durch das Zeigen von Sex selbst, sondern durch das Zeigen von dessen Beobachtung gelingt. 

Mit dem Fokus auf das erotische Begehren von Cathy und Heathcliff wird aber auch noch eine weitere Dimension ihrer Beziehung herausgearbeitet, die etwas über das Machtverhältnis des Paares und schlussendlich auch über das Scheitern ihrer Liebe aussagt. „He is more myself then I am“ ist einer der berühmtesten Sätze in Wuthering Heights, aber diese Verschmelzung wird in Fennells Adaption begrenzt durch einen Standesunterschied: Cathy steht demgemäß über dem Findelkind Heathcliff. So fügt sie auch direkt im Anschluss an: „It would degrade me to marry Heathcliff.“

Gleichzeitig ist die Erniedrigung Inhalt von Cathys Begehren, sie fantasiert von ihr und schafft es dennoch nicht sie (anders als Isabella, Edgar Lintons Schwester) in Form einer Selbstermächtigung sexuell auszuleben und damit im Umkehrschluss auch die Macht, die sie durch ihren Stand über Heathcliff hat, für kurze Zeit zu brechen. Statt sich auf ein sexuelles Machtspiel einzulassen, weist sie Heathcliff mitten im Akt in seine Schranken. Cathy versteht die Macht sexueller Erniedrigung nicht – eine Selbstaufgabe gelingt ihr nicht. Cathy bleibt damit nicht nur in Vorstellungen von dem gefangen, was als gesellschaftlich angemessen gilt, sondern schützt auch weiterhin die Macht, die sie durch ihre Herkunft über Heathcliff hat. Der Film zeigt also nicht nur, dass ein sexuelles Machtspiel Lust erzeugen kann, sondern auch, dass bestimmte Formen von Macht während des Sex‘ bestehen bleiben, obwohl man glaubte, man hätte sich von ihnen befreit.

Der Film zeigt, was in der Romanvorlage der Fantasie der Lesenden überlassen wird.

Projektionen projizieren

Der Fokus auf die sexuelle Beziehung von Cathy und Heathcliff hat bereits vor Erscheinen des Films für Kontroversen gesorgt, denn schließlich „schlafen die beiden im Buch nie miteinander“. Aber wird nicht durch die künstlerische Freiheit, die Emerald Fennell sich da herausnimmt, auch eine Fantasie der Lesenden wahr? Ist nicht genau diese Erotik als Potential bereits in Brontës Roman angelegt und wird nun lediglich entfaltet?

Auch wenn sie sicherlich nicht die „größte Liebesgeschichte aller Zeiten ist“, so ist Cathys und Heathcliffs Liebe dennoch seit Jahrzehnten ein Faszinosum für die Leser*innenschaft, sie lässt sie nicht los. Man könnte also auch sagen, dass Fennell die geheimen Fantasien dieser Lesenden erhört hat und nun endlich zeigt, was sich alle so lange vorgestellt haben. Und damit gelingt nun auch die Übersetzung vom Buch zum Film: Denn die Adaption zeigt, was unsere Vorstellungskraft in die Leerstellen eines Kunstwerks hineinprojiziert. Und sie gibt diesen Projektionen eine Form und wirft sie auf die Leinwand.

„Wuthering Heights“ ist kein perfekter Film. Streckenweise ist er zu lang und versucht gegen Ende sein Publikum unnötig zu emotionalisieren. Und auch die Debatte um die Besetzung von Heathcliff löst sich nicht auf. Aber Emerald Fennells Adaption zeigt doch, wie Begehren und Imagination funktionieren und lässt die Zuschauer*innenschaft so nicht nur an einer zerstörerischen, sondern auch an einer bildgewaltigen Liebe teilhaben.

Wuthering Heights von Emerald Fennell feierte am 28. Januar 2026 seine Weltpremiere und kam am 12. Februar 2026 in die deutschen Kinos. Der Film wird in Deutschland von der Warner Bros. Entertainment Inc. vertrieben. In und um München spielt ihn aktuell eine Vielzahl von Kinos, sowohl in der Synchro als auch im englischen Original mit Untertiteln. Dauer: 136 Minuten.

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