Interview Politikus

Armin Mohler und die Neue Rechte – im Gespräch mit Maik Tändler

Der Schweizer Publizist und Politologe Armin Mohler (1920-2003) war nicht nur Wahl-Münchner, sondern begründete die Neue Rechtein Deutschland. Dessen Einfluss und aktuelle Relevanz untersucht der Historiker Maik Tändler. Unser Autor Husham Fellaih sprach mit ihm über eine Einordnung Mohlers und Konservative Ideologie und die Neue Rechte.

Das Gespräch führte Husham Fellaih; Titelbild © dpa

Maik Tändler (Jg. 1979) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und arbeitet dort zur Geschichte der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. 

Fellaih: Lieber Herr Tändler, im Juni letzten Jahres erschien Ihre Monografie über Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik“ – erzählen Sie uns gern: Wie sind Sie auf Ihr Thema gestoßen? Warum braucht es ein Buch über Armin Mohler? Was können wir mitnehmen aus solch einer umfassenden Darstellung rechter intellektueller Diskurse sowie der Salonfähigkeit rechtskonservativen Denkens im Bürgertum der alten Bundesrepublik, welche Sie in Ihrem Buch beschreiben?

Also: Warum braucht es das und was war Ihr Zugang? 

Tändler: Also, ich würde Sie vielleicht insofern korrigieren, als die Bundesrepublik heute ja wieder in einem Maße rechts ist, wie man es sich früher nicht hätte vorstellen können. Wir haben in den letzten zehn Jahren diese politische Entwicklung, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, sowie den USA. Also ein Aufstieg rechter, rechtspopulistischer bis rechtsradikaler Parteien und Bewegungen, welche in der Zeit nach 1945 in diesem Ausmaß noch nicht dagewesen ist. 

Das war als es mit dem Projekt begann, vor rund zehn Jahren, gerade erst in Ansätzen zu erkennen. Die AfD war schon gegründet, aber noch nicht so erfolgreich und hatte auch noch nicht in dem Maße diese völkische Radikalisierung hinter sich. Aber es war schon so, dass in den Geschichtswissenschaften, aus denen ich ja komme, deutlich wurde, dass der Rechtsradikalismus in der Geschichte der Bundesrepublik historisch ein vernachlässigtes Thema war. 

Es gab immer wieder diese rechtsradikalen Konjunkturen, in den 60er Jahren den Aufstieg der NPD, in den 80er Jahren die Republikaner. Es gab so ungefähr alle zwanzig Jahre eine Art rechte Welle, die dann aber irgendwann wieder abgeebbt ist. Und deshalb hat die Geschichte des Rechtsradikalismus es nie geschafft, wirklich zu einem fest etablierten Forschungsfeld zu werden. 

Maik Tändler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

Dass das ein Defizit ist, hat man dann eben doch irgendwann gemerkt. Und in diesem Zusammenhang ist dann auch Armin Mohler in den Mittelpunkt auch meines Interesses gerückt. Weil Mohler als Vordenker der sogenannten Neuen Rechten in der Bundesrepublik gilt. Leute wie Götz Kubitschek oder Karlheinz Weißmann bezeichnen Mohler explizit als geistigen Lehrer und Mentor. Und es gab zwar ein bisschen was zu Mohler: Es gibt eine Biografie, die von Karlheinz Weißmann stammt. Das heißt, das ist im Grunde eine apologetische Lebensbeschreibung aus Sicht eines seiner Schüler. Ansonsten war Mohler einer Handvoll von Politologen und Historikern bekannt, die sich mit dem Thema ein wenig beschäftigt haben. Es gab schon was zu ihm, aber eine wirklich ausführliche, kritische, geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung hat eben noch gefehlt. 

Und das war dann auch der Grund dafür, dass ich mich an das Thema auch nochmal gesetzt habe. Wobei es mir weniger um eine Biografie in dem klassischen Sinne ging. Also es ging mir nicht darum, jedes Detail seines Lebenswegs zu beschreiben, sondern vor allem zu analysieren, in welchem intellektuellen Netzwerken sich Mohler bewegt hat, was für einen Einfluss er wirklich hatte. 

Mohler gehörte natürlich nicht zu den großen prägenden intellektuellen Gestalten der Bundesrepublik. Allerdings war er für ein bestimmtes politisches Milieu, das man dann eben später als neue Rechte bezeichnet hat, eben schon eine sehr zentrale und einflussreiche Gestalt.  

Fellaih: Wie empfinden Sie die Komponente dessen, dass man sagen kann, das Milieu der intellektuellen Rechten ist in München stärker gewesen als in anderen Städten. Sie haben in Ihrem Buch beschrieben, dass es einige Personen aus der Neuen Rechten gab, die in München gelebt oder zumindest gewirkt haben, bis in gewisse Zeiten hinein.

Das wird auch deutlicher im Unterschied zu anderen Städten. So etwas hat es in Bonn, Hamburg oder auch in Münster nämlich nicht gegeben. Inwiefern würden Sie davon sprechen, dass in München eine spezifisch rechte Intelligenz existierte, im Unterschied zur restlichen Bundesrepublik? 

Tändler: Man kann schon sagen, dass München eine Art Hotspot war. Es gab allerdings kein festgefügtes Milieu. Man darf es sich nicht so vorstellen, dass das verschworene Gemeinschaften waren, wie eine Bewegung oder eine Partei oder eine Aktivistengruppe, die organisiert waren, sondern das waren eher so lose Verbünde und lockere Netzwerke. Man kennt sich vor allem über publizistische Projekte. Die Protagonisten sind durchaus verteilt in der Bundesrepublik, aber in München gibt es schon so eine Art Ansammlung. Also Mohler, der seit 1961 in München lebt, ist da eine Zentralfigur.

Aber es gab daneben Figuren wie Mohlers Freund Caspar von Schrenck-Notzing, der dann die Zeitschrift Criticón herausgab. Und es gab rechte Intellektuelle, wie Kurt Ziesel, Emil Franzel oder dann noch Franz Schönhuber, Mitbegründer der Partei der Republikaner, die sich alle in diesem Münchner Umfeld herumtreiben. Das heißt, es gab da schon tatsächlich eine auffällige Ballung, die aber im Detail in dieser Netzwerkstruktur noch näher erforscht werden müsste. Das konnte ich in meinem Buch auch noch nicht machen, sondern das ist nur andeutungsweise darin vorhanden. 

Fellaih: Auf dem Titelbild Ihres Buches haben Sie Armin Mohler neben Konrad Adenauer abgebildet. Zu sehen sind sie nebeneinanderstehend in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München während der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises der Deutschland-Stiftung an Mohler im Jahre 1967. Was sagt das über den Diskurs in der damaligen Bundesrepublik aus? 

Tändler: Also, um das zu verstehen, musste man sich vor Augen führen, dass Mohler in den 60ern und bis in die 70er Jahre durchaus als Konservativer galt, der zwar weit rechts stand, aber immer noch im großen Feld des Konservatismus seinen Platz hatte. Das lag auch daran, dass diese autoritär-nationalistischen Elemente, die sich gerade im deutschen Konservatismus, besonders in der Zwischenkriegszeit in der sogenannten konservativen Revolution, sehr radikal geäußert haben, noch ein Nachleben nach 1945 hatten. Es gab eine Demokratisierung des Konservatismus in der Bundesrepublik, das heißt eine Versöhnung des Konservatismus mit der liberalen Demokratie, aber das war ein langfristiger Prozess und einer, der auch viele Hindernisse zu überwinden hatte. Und Mohler als Verfechter der konservativen Revolution gehörte zu der Strömung innerhalb des Konservatismus, die an diese traditionellen nationalistisch-autoritären Konzepte aus der Zwischenkriegszeit anschließen wollte.

Es war Entmischungsprozess, der auch bis in die 80er, zum Teil auch bis in die 90er andauert, in dessen Verlauf sich dieser autoritäre nationalistische Radikalkonservatismus von dem Liberalkonservatismus abgetrennt hat und zur Neuen Rechten geworden ist. Also das war in den 60er Jahren noch nicht so deutlich voneinander zu trennen, sondern spielte noch stärker ineinander.  

Fellaih: Der amerikanische Historiker Jerry Z. Muller sprach in seinem Buch „The Other God that Failed“, mit Hinblick auf Hans Freyer sowie auch Arnold Gehlen und andere Intellektuelle aus jener Generation der von Mohler beschriebenen Konservativen Revolution, von einem „deradicalized conservatism“. Er beschrieb damit die Tatsache, dass ein beachtlicher Teil dieser Generation antiliberaler und radikal antidemokratischer Denker sich durch die Niederlage 1945 zu einem technokratischen Konservatismus hin entradikalisierte.

Kann man hierin auch Mohler verorten und wie steht es um weitere Personen, welche Sie in Ihrem Buch erwähnen? Ich denke u. a. an Hans Zehrer vom Tatkreis. Wer und was passt in diese von Muller aufgestellte Kategorie? Was Sie für Mohler ausführlicher beschreiben, ist ja vereinfacht gesagt, ein früher Mohler der radikal und idealistisch, ein mittlerer Mohler welcher bürgerlich-rechtskonservativ, und ein späterer Mohler, der nun wieder radikaler ist. 

Tändler: Ja, also das kann man grob so sagen, dass Mohler auch im Laufe der 70er, 80er Jahre immer stärker an den Rand gedrängt wird, und dann eben auch gewisse taktische Rücksichtnahmen verliert und sich selbst auch radikalisiert. Dieses Phänomen hat man häufiger bei Rechtskonservativen, die merken, dass sie im sich verändernden konservativen Mainstream nicht mehr richtig gehört werden, nicht mehr ankommen, dass die dann eben dahin gehen, wo sie noch Beifall finden, und das ist dann der äußerste rechte Rand. Als weitere Beispiele dafür könnte man sich das von dem ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger mitbegründete Studienzentrum Weikersheim ansehen sowie den Philosophen Günter Rohrmoser, welcher konservativ anfängt, dann auch sich somit nach weit rechts auch offen zeigt, weil man da gewissermaßen Aufmerksamkeit bekommt. 

Aber Ihre eigentliche Frage, also zum sogenannten technokratischen Konservatismus, also es gab tatsächlich diese Gruppe von Weimarer Radikalkonservativen, Hans Freyer haben Sie ja genannt, der die „Revolution von rechts“ ausgerufen hat. Zu nennen sind die Freyer-Schüler Arnold Gehlen sowie Helmut Schelsky, die sich an den NS angepasst haben, und dann aber nach 1945 politisch desillusioniert sind, denn die eigene Phase der politischen Tat hat in die Katastrophe geführt und die ziehen sich dann auf diesen sogenannten technokratischen Konservatismus zurück, der sagt politische Ideologien und die politischen großen Kämpfe sind tot, in der modernen Industriegesellschaft geht es nur noch darum, eine historische, stillgestellte Gesellschaft zu erhalten, die im Grunde entpolitisierte, technokratisch mehr oder weniger eine verwaltete Gesellschaft darstellt.  

Fellaih: Und Mohler passt mit seiner sehr großen Bewunderung für Charles de Gaulle und Franz Josef Strauß beispielsweise insofern auch in diese Richtung, da er denkt, dass sich diese Industriegesellschaft nur durch die lenkende Hand von starken politischen Führungspersonen noch kontrollieren lasse? 

Tändler: Ja, es gibt da Berührungspunkte. Mohler hat immer den Anspruch verfolgt, einen modernen Konservatismus in dem Sinne zu vertreten, dass er die Grundtatsachen der Industriegesellschaft akzeptiert und es gibt auch eine gewisse Anlehnung an Arnold Gehlen insofern, als starke Institutionen, vor allem staatliche Institutionen, als wichtig erachtet werden, da sie Autorität und Bindung erzeugen. Aber was einen Unterschied ausmacht, ist, dass diese ältere Generation, die eben diese Desillusionierungserfahrung hat, dass die politisch sehr pessimistisch ist und es nicht darauf anlegt, noch irgendwie politisch etwas zu bewegen, sondern darauf baut, dass die institutionellen Strukturen die Gesellschaft stabil halten. Bei Mohler ist dann doch stärker der Anspruch da, die politischen Bedingungen zu verändern und das heißt vor allem, das liberale Denken zurückzudrängen, die liberalen Institutionen und die liberale Demokratie zugunsten einer in irgendeiner Form straff geführten, auf starke Bindung des Individuums setzenden Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen umzubauen. 

Fellaih: Und dieser letzte Punkt, den Sie beschreiben, hat sich dieser erst im Rahmen der allgemeinen Diskursverschiebung über die 60er und 70er Jahre stark herausgebildet oder war er schon in Ansätzen in den 50er Jahren vorhanden, aber aufgrund der politischen Gegebenheiten gar nicht relevant?  

Tändler: Nun, in den 50er und 60er Jahren waren autoritäre Elemente im Konservatismus noch nicht besonders ungewöhnlich. Auch bei den gemäßigten Konservativen gab es doch immer die Vorstellung, dass der Staat seine Autorität ausüben muss, dass man mit der Freiheit des Individuum nicht übertreiben sollte und dass es auch starke sittliche Bindungen geben sollte. Aber dieser Kontrast verstärkt sich dann vor allem seit den späten 60ern, Stichwort: 1968. Man hat ab da einen sehr starken Liberalisierungsprozess in der Gesellschaft der Bundesrepublik, der sich dann in den 70er und 80er Jahren fortsetzt. Und im Kontrast zu dieser Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft stechen diese autoritären Konzepte dann umso deutlicher hervor. Es ist dann im Grunde nach 1968 ein ständiger Kampf gegen die weitere Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft.  

Fellaih: Und was sind Anknüpfungspunkte heute, im Hinblick auf Ihre letzten Sätze und die aktuellen politischen Entwicklungen?  

Tändler: Bei den Neuen Rechten taucht ja immer wieder die Frage auf, was sie mit dem Nationalsozialismus zu tun hat. Und da ist es das Spezifische bei den neuen Rechten, dass diese sich sozusagen auch als antinationalsozialistisch inszenieren und da im Grunde sich in die Tradition des konservativen Widerstands gegen den Nationalsozialismus einschreiben. Aber das ist Augenwischerei. Es gab einen Widerstand, der aus dieser rechtskonservativen Strömung kam, aber es war vor allem so, dass die konservative Revolution, auf die sich die neue Rechte beruft, dem Nationalsozialismus viele ideologische Stichwörter und Elemente geliefert hat, und der Nationalsozialismus sich das zu eigen gemacht hat. Aber in der Bundesrepublik mit ihren gefestigten demokratischen Institutionen kann man natürlich nicht ein erneuertes Reich errichten, aber doch die liberale Demokratie überwinden.

Die globale Entwicklung in den letzten Jahren hat also gewisse Vorbilder, wenn man so will, hervorgebracht. Also in Ungarn Viktor Orbán, der die „illiberale Demokratie“ ausgerufen hat, oder auch Donald Trump in den Vereinigten Staaten. Das kann man als Blaupause auch für die neue Rechte ansehen, dass man eben nicht einfach die Demokratie abschaffen und durch eine Diktatur ersetzen will, sondern die demokratischen Institutionen aushöhlt und die liberalen Elemente abbaut. Das heißt, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz, der Medien und der Wissenschaft. Um unter dem Anspruch, das wahre Volk zu vertreten, den liberalen Pluralismus in der Gesellschaft abzuschaffen. Also, man behält eine demokratische Fassade bei, lässt auch noch Wahlen veranstalten, aber eben alles unter autoritären und antiliberalen Bedingungen.  

Fellaih: Ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch.

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