Wie ist es, in einer neuen Stadt anzukommen, in der man voller Erwartungen ein Studium beginnt? Issam hatte viele Ideen und Träume, wie das Studium sein sollte und wie sein Alltag aussehen würde. Doch vielleicht ist München kein Ort, an dem man seine Träume verwirklicht, sondern ein Traum, den man selbst erschaffen muss.
von Simone Scharner; Titelbild © WOKANDAPIX von pixabay; restliche Bilder © Simone Scharner
In einem Café auf der Schellingstraße durfte ich mich mit Issam (Name geändert) treffen. Er ist vor mehr als zwei Jahren nach München gezogen, um das Studentenleben zu finden, das die Welt der Romane verspricht: mit Freunden gemeinsam beim Brunchen in den Tag starten, Kaffee ums Eck, Gesprächs- und Lesekreise, die den Tag einrahmen. Dazwischen Vorlesungen, Bibliothek und ein Schnack mit dem Professor. Sonnentage vor der Universität verbringen, auf der Wiese liegen und über die Welt philosophieren. Dass Bücher und Filme uns nicht immer ein reales Bild des Universitätslebens vermitteln, zeigt die nüchterne Realität.
Issam weiß mittlerweile, dass München als Millionenstadt vielleicht nicht der Ort der engen Verbundenheit von Studierenden ist. Laut Statistik der Stadt München waren im Wintersemester 24/25 147.026 Studierende in München eingeschrieben. Bei 1,61 Einwohner*innen der Stadt machen sie gerade einmal knapp 9 % der Münchner Bevölkerung aus. Entsprechend rar ist das, was ihnen geboten wird – und selbst dann bleibt soziale Teilhabe „auch eine finanzielle Frage“, wie Issam selbst sagt. Er trinkt seinen Espresso in einem Zug. Etwas nervös, denn es ist niemals leicht, davon zu sprechen, wenn die Realität die Träume zunichtemacht.

Issam studiert Politikwissenschaft an der LMU und wird dieses Jahr seinen Bachelor abschließen. Danach soll es mit dem Master und im Bestfall sogar mit einer Promotion weitergehen. Akademisch soll der eigene Lebensweg werden – am liebsten in München –, obwohl sein Traum bisher keine Wirklichkeit wurde.
Wohnen und Wohlfühlorte in München
Nach einem kurzen, schweren Start in einer großen Wohngemeinschaft hat er ein Zimmer gefunden, das preislich nicht günstig ist, dafür aber nah am Zentrum. „Nicht günstig“ ist dabei ein netter Ausdruck dafür, dass das durchschnittliche WG-Zimmer in München 800 Euro kostet, also fast den gesamten BAföG-Höchstsatz. Etwas Positives gibt es trotzdem: Das Zimmer liegt nah an einem seiner Lieblingsorte, der Isar. Die Menschenmassen, die sich an sonnigen Tagen dort tummeln, sind nicht seins. Das Rauschen des Wassers, die Natur und ein langer Spaziergang am steten Fluss jedoch schon. Manchmal mit seiner Nachbarin, mitten in der Nacht oder allein. Je nachdem, wie sich Zeit und Menschen finden.
Auch das Café, in dem wir uns trafen, das Dompierre, gehört zu Issams Lieblingsorten. Der Kaffee ist zwar nicht billig, dafür ist die Ruhe am Morgen, bevor alle anderen kommen, ein Genuss. Er blickt aus dem Fenster und meint, dass ihm der Innenhof des Cafés besonders gut gefällt. Genauso liebt er es im Sommer, wenn die Sonne im Englischen Garten scheint, da könnte er dann jeden Tag spazieren gehen. Diese Momente, der Innenhof des Cafés, die warme goldene Sonne durch die Baumkronen des Parks, sind für ihn wahre Wohlfühlmomente in München.

Trotzdem schwingt immer der fade Beigeschmack des Scheiterns mit. Er sei „mit einem Ziel hierhergekommen“, und es fühle sich „nach Scheitern an“, jetzt schon wieder wegzuziehen. Was er möchte, ist endlich Freunde finden. Vor allem, weil er kurz vor seinem Umzug aus Nord- nach Süddeutschland Freunde in der Heimat gefunden und direkt wieder zurückgelassen hatte. Dennoch zog es ihn magisch nach München, einen Ort voller „Geschichte und Kultur.“ Ansonsten wäre es Heidelberg geworden, doch dort gab es keine freien Studienplätze mehr. So kam Issam mit allem, was er mitnehmen wollte, hierher und fand vor allem eines nicht: das Studium und die Freunde, die er sich so sehnlichst gewünscht hat. Seine Eltern romantisierten ihre Erfahrungen als Studierende in den 1970er- und 1980er-Jahren und genau auf jene romantisierte Fassung hoffte er. Jeder Versuch, dieses Ideal zu finden, scheiterte aber.
Auf der Suche nach Freundschaft
Dennoch gab Issam nicht auf. Er suchte immer wieder einen Weg, sich die ersehnte Studienzeit selbst zu schaffen. Er gründete „drei Lesekreise, die leider nichts wurden“. Die anderen „haben das Buch nicht beendet“ oder „die Zeit fehlte einfach“ – nicht bei ihm, sondern bei den anderen. Das Leben, das er sich aufzubauen wünscht, scheiterte immer wieder. So brach er sein Vorhaben ab. Keine Suche nach einem bestehenden Lesekreis und auch keine Versuche mehr, solche zu gründen. Mittlerweile findet man Issam bei vielen Podiumsdiskussionen und Fachvorträgen in München. Er lauscht den Dozierenden und unterhält sich danach mit den Professor*innen, zu denen er enge Kontakte pflegt. Was er nicht findet, ist der soziale Kontakt zu Gleichaltrigen.
Für ihn sind die Schnelllebigkeit und die Unverbindlichkeit des digitalen Zeitalters ein Problem. Issam kann „der digitalen Welt nichts abgewinnen“; „Bei Apps wie Bumble schreibt irgendwann niemand zurück“, eine Erfahrung, die ihn die App wieder löschen ließ. Ein weiterer schwieriger Punkt ist, dass man „in bestehende Freundeskreise einfach nicht reinkommt“. Dabei hatte es früher, in seiner alten Heimat, funktioniert: als eine Bekannte – ausgerechnet von Bumble – ihn in ihren Bibelkreis einlud. Dort wurden Bekannte zu Freund*innen, „und irgendwann kannte ich fast alle Theologiestudierenden der Uni“, erinnert sich Issam. Man sprach über Gott und die Welt, doch vor allem über die Welt und weniger über Gott. Falls doch, „dann wurde hitzig diskutiert“, denn eigentlich glaubt Issam gar nicht an eine solche übernatürliche Figur. Diese Menschen wurden durch Zufall trotzdem zu Freund*innen, gar zu besten.
Zwischen Hoffnung und Resignation
Gibt diese Geschichte Hoffnung auf das Leben in München? Wenn es nach Issam geht, „nicht so ganz“. Fast gedankenverloren blickt er sich um. Wir sitzen inzwischen an der Akademie der Bildenden Künste, einem Ort, den er sehr gern mag. An der Leopoldstraße rauschen die Autos vorbei, doch hier hört man fast nur den leichten Wind durch die Blätter rascheln. Ich frage Issam, ob das München, das er sich wünscht, vielleicht ein Traum ist, den man sich selbst erschaffen muss. Er ist sich nicht sicher. Vielmehr denkt er, dass er nur noch die richtigen Menschen finden muss. Gleichzeitig fragt er sich, ob es anderswo nicht leichter für ihn wäre. Dass er erst nächstes Semester seine Bachelorarbeit schreibt, sieht Issam als “Wink des Schicksals: Vielleicht”, so meint er, war das ein „Hinweis, dass hier noch etwas auf [ihn] wartet”.
Issams Verbundenheit zu München äußert sich stets in Ambivalenz. Die Orte, die er liebt, sind „zum Wohlfühlen“. Gleichzeitig mag er es nicht, dass überall so viele Menschen sind. Mittlerweile fühlt er sich sogar verloren. Er habe „keine Kraft mehr, immer wieder neue Anläufe zu starten“, um Freund*innen in München zu finden. Auf der anderen Seite möchte er die Stadt nicht aufgeben, in der er noch nicht einmal so richtig gelebt hat. Verständlich ist auf jeden Fall eines: Ein Start in München und auch ein Leben in dieser Stadt sind nicht immer einfach, für manche gar unmöglich. Trotz allem ist München ein Ort, den viele mit aller Kraft ins Herz schließen wollen. Die einen, indem sich ihre Träume an die Stadt anpassen. Die anderen, indem sie sie hinter sich lassen und neue Wege gehen.
Wie es für Issam weitergeht, wird sich nach seinem Bachelorstudium entscheiden. Ob er in München bleibt, steht somit in den Sternen und vor allem auf hochschulstart.de, sobald die Anmeldungen für den Master offen sind.
Freund*innen finden und halten ist ein Prozess, der auf Gegenseitigkeit beruht. Doch vor allem auch ein Punkt, der hilft, in einer Stadt anzukommen. Ohne diese können wir uns oft verloren fühlen, selbst wenn es der Ort der Träume ist. Möglichkeiten gibt es mittlerweile viele. Neben Bumble sind es unter anderem auch Vereine und universitäres Engagement. Wir können Menschen kennenlernen, beispielsweise über ein Universitätsmagazin wie dieses oder indem wir Fachschaften beitreten. Vieles ist monetär, aber es gibt auch so einige Aktivitäten, die ohne ein Budget auskommen. Eines steht fest: Freund*innen zu finden ist ein aktiver Prozess, der manchmal auch aus Kompromissen besteht.
Fremdeln kann man an vielen Orten, aber geht es den Studierenden in München besonders häufig so? In dieser Reihe möchte ich herausfinden, wie es anderen ergeht, die nach München kamen. Ich treffe Studierende an ihren Lieblingsorten und frage: Was fiel schwer? Wo hast du gefremdelt? Und wann hat sich diese Stadt zum ersten Mal wie Zuhause angefühlt?

