Filmreihe Rezension

„Alpha“ – Krankheit als Metapher

In einer trostlosen Welt regiert die Angst vor einer Infektion mit einem mysteriösen Virus. Julia Ducournaus „Alpha“ entfaltet einen melancholischen Sog, für den sie immer wieder aussagekräftige Bilder und Töne findet — vor allem in der bedingungslosen Selbstakzeptanz des Anderen.

von Johannes F. Schiller; Bild © MANDARIN & COMPAGNIE KALLOUCHE CINEMA FRAKAS PRODUCTIONS FRANCE 3 CINEMA

Der Titel formiert sich auf einem Wüstenboden, ehe die Kamera in einen der Risse  des Gesteins hineinzoomt. Auf der anderen Seite wird vermittels eines digitalen Effekts eine Einstichwunde erkennbar: der vernarbte Arm eines Junkies. Eine selbst gebastelte Tätowiernadel wird in Tinte getaucht und sticht in einer Makroaufnahme ins Fleisch. Die Haut wölbt sich und hinterlässt, Stich um Stich, tiefblaue Linien. Mit diesen schmerzhaft intimen Körperbildern beginnt „Alpha“ von Julia Ducournau. Die einfühlsame Coming-of-Age-Story folgt auf den Cannes-Gewinner „Titane“ (2021) und das Kannibalinnen-Drama „Raw” (Grave, 2016), zwei Filme der Französin, die  an den Nerven rüttelten. In Ducournaus Werk steht das Menschsein an den äußersten Grenzen im Zentrum, der ungeschönt-vorurteilslose Blick auf Körper und ‚Otherness‘, den sie auch hier mit besonderer Zärtlichkeit versieht. 

Die frühen 1990er im französischen Le Havre: Die 13-jährige Alpha (Mélissa Boros) lässt sich auf einer volltrunkenen Party ihr Initial auf den Oberarm tätowieren. Ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani), selbst Ärztin, gerät angesichts dieses Leichtsinns in Rage. Gerade grassiert die Angst vor einer mysteriösen Krankheit, die durch den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen wird. Die Erkrankten erstarren allmählich zu von Stein überzogenen Gestalten und ersticken in ihrem gepanzerten Leib. Die Hospitale sind überfüllt von Patienten im Endstadium. Gleichzeitig nehmen die Kranken ohne nennenswerte Quarantänemaßnahmen wie selbstverständlich am öffentlichen Leben teil. Nun zieht Alphas heroinsüchtiger, bereits dem Tode nahestehender Onkel Amin (Tahar Rahim) zum Entzug in das Apartment ein. Zögerlich freundet dieser sich mit seiner Nichte an.

Eine Umarmung, geteilter Schmerz: Alpha und ihr Onkel Amin.

Poes Traum im Traum

Alphas entzündete Wunde am Oberarm zieht die Aufmerksamkeit der Klassenkameraden auf sich, die sie fortan ausgrenzen und schikanieren; eine Abwehrreaktion vor dem fremden Anderen. Die Bezüge zur AIDS-Pandemie sind augenscheinlich und klingen besonders in einer Szene mit dem Englischlehrer (Finnegan Oldfield) und seinem Lebensgefährten an. Die Stigmatisierung und Dämonisierung der Todgeweihten, aber auch, das hebt Ducournau als Kontrast hervor, die erhabene Schönheit ihres fragilen, marmorierten Körpers. Eine Art Selbstermächtigung und Würde liegt in ihrem Leiden, das zum Martyrium stilisiert ist. Inszenierte die Filmemacherin in der soziopathischen Serienmörderin von „Titane” noch einen weiblichen und schwangeren Jesus, so ist Amin die männliche Inkarnation eines sterbenden Christus.

Hinzu kommt, dass „Alpha” nicht in der heutigen Gegenwart angesiedelt ist, sondern von einer alternativen Zeitlinie erzählt. Die Rahmenhandlung spielt in den 90er-Jahren in der nordafrikanischen Community in Frankreich, einer postindustriellen Alptraumwelt in metallischem Blau und gleißendem Weiß. Gefiltert durch die subjektiven Ängste des Teenagers. Ein Edgar-Allan-Poe-Zitat rahmt den eigenartigen Dämmerzustand des Unwirklichen, den der Film beschwört: „Is all that we see or seem, but a dream within a dream?” 

Flashbacks versetzen in die warme, noch vom Virus relativ ungetrübte Kindheit Alphas. In einer Szene verschaltet Ducournau die Zeitebenen und lässt das Trauma der Mutter, die sich aufopfernd um ihren drogenabhängigen Bruder kümmert, in einem Hotelzimmer wieder aufleben. Die Erinnerungen der Tochter an dieses Ereignis wirken wie im Limbo gefangen. Wir sehen durch einen Montagetrick abwechselnd die 13-jährige und die 7-jährige Alpha. Eine Welt aus den Fugen.

Der mythische ‚innere’ Sturm

Ducournaus Musikeinsatz versetzt ebenso in eine Art Trance. Der Prolog, in dem Alpha sich mit einer vermeintlich verunreinigten Nadel tätowieren lässt, ist unterlegt von den Trip-Hop-Beats von Portisheads’ „Roads”. Beth Gibbons’ wehklagende Stimme wird zum emotionalen Sprachrohr des Films: „Oh, can’t anybody see / We’ve got a war to fight.” Später begleitet eine Akustikversion von Nick Caves „The Mercy Seat“ Alphas nächtliches Abenteuer mit Amin – eine temporäre Realitätsflucht, in der Glücksgefühle dominieren: „and I’m not afraid to die.”  Letztlich schickt Ducournau ihre Figuren auf eine Reise, die Erlösung und Transzendenz verhandelt.

„Alpha” gipfelt in einer metaphorischen Sequenz, welche die überlieferte Folklore der Berber-Großmutter spiegelt. Schon zuvor brachen phantastische Elemente in das weitgehend realistisch erzählte Melodram herein: der tosende Wind auf dem Baugerüst vor Alphas Zimmer; schließlich das lähmende Gefühl des Teenagers, von der eigenen Zimmerdecke erdrückt zu werden. 

Ein mythischer ‚roter Wind’ weht nun durch die Wohnsiedlung. Befinden wir uns in Amins kranken Körper, in den Eingeweiden seines mineralisierten Inneren? Alpha steigt mutig aus dem Auto, der Sand verklebt ihr das Gesicht. Eine vom Staub rot verfärbte Träne rollt ihr von der Wange. 

Alpha lief am 2. April 2026 in den deutschen Kinos an. 128 Minuten. Im Vertrieb von Plaion Pictures Germany.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert