Interview Kulturphilter

20 Jahre philtrat: Ein Interview über die Anfangsjahre.

Ende Januar erscheint unsere 37. Ausgabe. In anderen Worten: Wir sind alt. Zeit für einen Rückblick in die Anfänge von philtrat. Dafür sprachen wir mit Sebastian Speth, dem Gründer unseres studentischen Magazins.

Das Gespräch führte Husham Fellaih

Illustration von Bianca Isack

Lieber Herr Speth, erzählen Sie uns gern etwas über die Gründung unseres Magazins. Wie entstand philtrat, war es ein spontaner Impuls oder ein lang geplantes Projekt?

Speth: Es war der Ausgleich eines Defizits. Ich hatte mir noch als Schüler die Universität angesehen, als gerade die „Schelling 3“ verkauft wurde. Das war ein Magazin, das es vorher schon gegeben hatte, und da dachte ich mir: „Ist ja super, da kannst du mitmachen, wenn es soweit ist“. Ich war der festen Überzeugung, dass es „Schelling 3“ noch länger geben werde. Doch mit Beginn meines Studiums hatte es sich aufgelöst, und ich sah daher Bedarf an etwas Neuem. Das ist übrigens eine Erfahrung, die ich öfter gemacht habe: Es bringt nichts, wenn man Sachen sucht und nicht findet, um dann verpassten Chancen hinterherzuheulen. Es ist besser, wenn man dann selber etwas gründet. Man darf nicht über ein fehlendes Angebot lamentieren, sondern muss selber Angebote schaffen. Und so saß ich dann in meinem Nebenfach der Politischen Wissenschaften neben Tanja Pröbstl und habe sie darauf angesprochen. Sie meinte „Hey du, ich war bei ‚Schelling 3‘! Ich finde es schade, dass wir nicht weiter gemacht haben.“ Das war sozusagen die Geburtsstunde von philtrat.

Aus wie vielen Personen bestand das Team der ersten Ausgabe? 

Speth: Das war im einstelligen Bereich. Zu acht müssten wir gewesen sein.

Waren es Freunde, Bekannte aus dem universitären Kreis? Was war das verbindende Element?

Speth: Bekanntschaften aus den Seminaren, ja – und es gab einen Aushang am Schwarzen Brett.

Woher stammt der Name? Wir selbst erklären unseren Namen mit der Tatsache, dass unser Magazin aus der Philologie, also den Sprach- und Literaturwissenschaften stammt. 

Speth: Die Idee kam damals von Martin Kindervater. Dieser war damals von Köln nach München gewechselt und hatte sich in der frühesten Zeit eingebracht. Es gab dann eine Abstimmung, die über den Namen entschied. Sicher gibt es sprachlich eine Nähe zur Philologie. Aber ein Filtrat ist ja auch etwas, das beim Prozess des Filtrierens herausgefiltert wird. Eigentlich wird das dann weggeworfen wird. Aber wir dachten, dass das Herausgefilterte ja auch gerade das sein könnte, was ohne uns „hinten runter fällt“. Man könnte es ja auch so auffassen, dass man am Puls der Zeit sitzt und als Filter für das fungiert, was für Studierende interessant sein könnte, und präsentiert das dann.

Portrait von Sebastian Speth: Copyright: „Germanistisches Institut der Universität Münster, Thomas Mohn“.

Philtrat wurde von seiner frühesten Zeit an von der Jungen Presse Bayern gefördert. Diese Zusammenarbeit bestand vor allem in den Anfangsjahren. Wie kam es dazu, dass sich ein junges Studierendenmagazin unter das Dach eines solchen Organs begab?

Speth: Wir brauchten für den Anfang eine Rechtsform. Man muss ja irgendwie auf der sicheren Seite sein, wenn man im Bereich Persönlichkeitsrechtsverletzung oder wegen irgendwas anderem angeklagt würde. Dafür wollten wir nicht persönlich haften. Andere Optionen waren, einen eingetragenen Verein zu gründen oder zu einer GmbH zu werden. Ich meine, dass der Vorschlag, sich unter das Dach der Jungen Presse Bayern zu begeben, damals von Maria Deingruber kam. Die Verantwortlichen von der Jungen Presse hatten die Möglichkeit das Magazin einzusehen, bevor es gedruckt wurde. Sie haben dann auch einzelne Formulierungen abgemildert, uns aber nie ernsthaft etwas verwehrt. Man muss bedenken: Die Uni konnte mit Berufung auf das Hausrecht ja auch den Verkauf in ihren Räumen verbieten. Zumindest die erste Ausgabe wurde vor dem Verkauf auch entsprechend geprüft. Als jedoch klar war, dass wir dieses Organ, welches wir da gegründet haben, nicht missbrauchen, war es auch okay. Zudem hat die Junge Presse Kurse für uns organsiert: Workshops mit Journalisten zu den Unterschieden verschiedener Textsorten oder auch Weiterbildungen für Fotografen.

Sie wurden ja mal von dem Satiremagazin Titanic verrissen. So eine große renommierte Zeitschrift, welche sich auf ein kleines studentisches Magazin einschießt und deren Leute aufs Korn nimmt, das hört man nicht alle Tage. 

Speth: Zum einen würde ich sagen, dass auch bei der Titanic nicht immer alles ganz so professionell abläuft, ist wie es den Anschein macht. Die haben ihre Zuarbeiter in ganz unterschiedlichen Feldern und die Uni zählt da freilich mit dazu. So kam es, dass jemand vor Ort auf uns aufmerksam geworden ist und ein Magazin an unserem Stand erworben hat. Wir waren damals ja noch nicht im Internet. In der Titanic gab es eine Rubrik mit dem Namen „Briefe an die Leser“, in der dann eben ein Brief an uns erschien. Konkret ging es um einen einzelnen Artikel, der ein Lob auf die Sprache und ihre Pflege anstimmte, und bei dessen Lektorat uns etliche Versehen durchgerutscht sind. Die Formulierung: „Eine irgendwie geartete Redaktion jedes Titten- und Ärscheblattes hätte diesen Artikel verhindert“, ist mir im Gedächtnis geblieben. Aber hey, philtrat hat es so in die Titanic geschafft! Wir haben dann überlegt, ob man den Slogan „Bekannt aus der Titanic“ für Werbezwecke nutzen sollte, und uns sogar beim Mathäser nach den Möglichkeiten für Kinowerbung erkundigt. Ein Foto der Leinwand mit unserer Werbung hätten wir dann wiederum im Heft abgedruckt, aber letztlich war beim Mathäser selbst das Billigste zu teuer für uns.

Sie waren alle noch recht jung und philtrat keine etablierte Institution. Ich kann mir vorstellen, dass man schnell eingeschüchtert ist durch sowas. 

Speth: Nein, Satire möchte ja wehtun und sie hat ein Recht dazu. Für uns war das eher Ansporn, besser zu werden.

Was würden Sie sagen, haben Sie aus der Zeit bei philtrat mitgenommen? 

Speth: Zu Beginn meines Studiums wollte ich eine journalistische Karriere einschlagen, das hat in Anbetracht meines Werdegangs eher semi geklappt. Aber darum ging es vielleicht primär auch gar nicht. Ich war ganz neu in München, hatte noch keine Bekanntschaften in der Stadt und so hat sich durch philtrat im persönlichen Bereich etwas entwickelt. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass gemeinsame Projekte zu stemmen unheimlich verbindet. Da entstand eine Gemeinschaft, ganz gleich, ob man nun politisch anders dachte oder einen anderen Lebensentwurf hatte: Man verfolgte ein gemeinsames Projekt, hatte in der Freizeit viel miteinander zu tun, und stand füreinander ein. So haben sich Freundschaften entwickelt und nicht zuletzt habe ich auch meine Frau bei philtrat kennengelernt.

Unser diessemestriges Thema ist „Reste von Gestern“ – getreu der Frage, was denn Reste von Gestern sind: Empfinden Sie studentische Magazine, analoge Angebote wie philtrat als zukunftsträchtig? Gerade im Hinblick auf die Verschiebung von Angeboten in den digitalen Raum. 

Speth: Wenn man ein Magazin gekauft hat, persönlich bei den Leuten, die es gemacht haben, und fährt mit der S-Bahn oder es liegt bei einem Zuhause, dann blättere ich doch zwangsläufig irgendwann einmal darin. Beschränkt sich das Magazin auf eine Seite im Internet, dann ist es nur ein Angebot unter vielen, die praktisch austauschbar sind. Die Reichweite ist zwar kleiner, aber die, die man erreicht, die rezipieren das dann auch anders. Inwieweit das jetzt ein „Rest von Gestern“ ist, würde ich so gar nicht unbedingt sagen. Denn bei vielen Dingen merkt man im Laufe der Zeit, dass sie sich in Wellen bewegen, und dass das, was jetzt als aktuell angesehen wird, auch wieder vorbeigeht. Wie ist es jetzt, wenn wir massive Probleme mit der digitalen Infrastruktur bekommen oder halluzinierende KI das Internet flutet? Schon jetzt sind Zweifel schon allein deshalb angebracht, wenn etwas aus dem Internet stammt. Und da kann es dann doch sein, dass das Gedruckte irgendwann eine Renaissance erfährt, weil man dabei das Gefühl hat, dass da jemand doch noch einmal drübergeschaut hat, bevor es in den Druck kommt – und wenn es sich um die Redaktion eines – aus der Titanic bekannten Magazins handelt. Ich mag das für wahrscheinlicher halten, als dass alles immer weiter in die digitale Richtung geht.

Ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch.

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